Von Eka von Merveldt

Nachts ist der dunkle Kontinent schwarz, auch in den südafrikanischen Städten, in denen die Neonlampen leuchten. Sogar in Johannesburg, dem industriellen Herzen der Republik (1,1 Millionen Einwohner), trifft der Besucher, der abends aus einem Hotel in der Hauptstraße in die laue Sommernacht tritt, keinen weißen Bummler, keinen Spaziergänger, keine einladenden Cafés mehr, keine belebten Boulevards. Er sieht bloß noch ein paar weiße Autofahrer in schützenden Wagen. Ab zehn oder elf Uhr ergreifen die Schwarzen Besitz von der Innenstadt, obwohl nach jedem Arbeitstag viele Hunderttausende in die isolierten Eingeborenenstädte hinter den goldenen Sandbergen, nämlich in die sogenannten Townships, geschafft werden. Immerhin bleiben nachts Tausende von Haus- und Straßenreinigern, Müllmännern, Dienern und Zeitungsboys zurück. Mit amtlicher Sondergenehmigung wohnen auch noch viele in „locations in the sky“, in den Dachgeschossen der City-Wolkenkratzer. Denn die Millionenstadt arbeitet und lebt auch bei Nacht, und dazu braucht sie den schwarzen Mann, den man jetzt singen oder die Trommel schlagen oder Gitarre spielen hört.

Die Weißen in ihren Häusern und geräumigen Wohnungen der Vorstädte trinken in dem warmen und milden Klima Gallonen von durstlöschenden Getränken, viel Tee und Milch und scharfe Schnäpse. Der Alkoholverbrauch ist ebenso alarmierend hoch wie die Kriminalität in dieser knisternden Stadt Joh’burg.

Hauptthemen der Gespräche sind Sport und Politik. Der Sport ist für südafrikanische Weiße ein „way of Life“ wie für die Schwarzen der Tanz. In Kreisen der Intelligenz aber, die sich mehr und mehr in die „innere Emigration“ gedrängt fühlt, werden Abend für Abend die gleichen politischen Fragen gestellt: Wo wird das enden?

Die Kongo-Greuel stützen die Apartheids-Politik der Regierung. Auch der wirtschaftliche Boom stützt sie. „Sich gesund schrumpfen!“, so sagt das Regierungsprogramm. Und das heißt, daß die Schwarzen und Weißen über den Subkontinent wie Figuren auf dem Schachbrett hin und her geschoben werden. Wie lange soll das noch gehen? Ein halb autonomer Bantustan, ein schwarzer Staat im Staate – der Transkei (auch als die oder das Transkei betitelt) – ist inzwischen entstanden. Acht Homelands sollen es im ganzen werden, dazwischen gibt es aber noch mehr als 250 „black spots“. Überall übers weite Land verstreut wohnen Natives. Wird man sie konzentrieren, verpflanzen können? Es kostet Millionen..

Ist der Plan haltbar, daß die zur Zeit elf Millionen Bantus auf nur 13,7 Prozent der Landfläche oder nur 27 Prozent des bebaubaren Landes zurückgedrängt werden können? Bis zum Jahre 2000 dürfte die Bevölkerung verdoppelt sein; ganz wesentlich werden die Bantus zunehmen und die Mischlinge. Für das Jahr 2000 rechnen die Demographen mit 4,8 Millionen Weißen, 22,9 Millionen Bantus, 3,8 Millionen Mischlingen, 1,3 Millionen Indern. Nicht gezählt sind die Japaner, die als Weiße gelten, und die Chinesen, von denen man noch nicht weiß, wie man sie einstufen soll. Wird eines Tages irgend jemand von außen die Rechte und Freiheit der weißen Minderheit international garantieren? Es gibt unter den freien schwarzen Staaten sogar. Einsichtige, die den Weißen im südlichsten Zipfel des Erdteils Minderheitsrechte einräumen wollen. Doch die Macht, so etwas zu garantieren, haben sie nicht.

Der fremde Besucher wird leicht schizoid. Soweit er Englisch beherrscht, kann er sich in den englischsprachigen Zeitungen orientieren. Die beste und liberalste ist die Johannesburger Rand Daily Mail. Diese Blätter sagen noch mehr gegen die Apartheid, als man in Europa vermutet. Wie lange noch werden sie so frei schreiben können? – fragen die Liberalen im Lande. Vorschriften und Verbote gibt es ständig mehr. Die Zeitungen in Afrikaans sind regierungstreu. Aber über die Umsiedlungspläne erfährt man auch darin nur Vages. Es ist zwar gelegentlich die Rede von vollkommener Unabhängigkeit für die Bantustans und von einem Commonwealth zwischen dem weißen Gebiet und den schwarzen Staaten. Aber niemand weiß, wie das funktionieren soll und welch ein verfassungsmäßiger und administrativer Oberbau da nötig wäre. Vage heißt es hier und da, ein weißes Kernland soll nach dem Schrumpfen zurückbleiben. Aber wo? Im Gebiet der Gold- und Diamantenminen? Mit Bantus nur noch als Gastarbeitern?