Der plötzliche Tod des Bundespräsidenten Dr. Adolf Schärf hat die Österreicher schwer getroffen: Er erinnert sie daran, daß dieses Land in der Gegenwart zu arm an bedeutenden Männern ist und zu reich an Nekrologen für bedeutende Männer. Wieder einmal wird den Bürgern Österreichs bewußt, daß das Häuflein jener „Letzten“, derer, die Sarajewo erlebt, die die erste Republik aus der Taufe gehoben und zweimal begraben, die die zweite auf der solideren Basis vernünftiger Gemeinsamkeit begründet, den Staatsvertrag erreicht und das der Alpenrepublik angemessene Wirtschaftswunderchen erwirtschaftet haben – daß dieses Häuflein immer kleiner wird.

Man richtet sich in Wien auf zwei eher gemütliche Landtagswahlkämpfe (Steiermark und Kärnten) und auf drei große Jubiläumsfeiern ein (20 Jahre zweite Republik, 10 Jahre Staatsvertrag und 600 Jahre Wiener Universität). Das Ereignis des Jahres sollte die Anwesenheit der Außenminister der USA, der Sowjetunion, Großbritanniens und Frankreichs beim Festakt zum zehnten Jahrestag der Unterzeichnung des Staatsvertrages im Schloß Belvedere sein.

Jene höhere Regie, die den 75jährigen Schärf anderthalb Jahre nach der Wiederwahl zum Staatsoberhaupt abberufen hat, setzte nicht nur die Fahnen auf halbmast, sondern auch die Akzente der Feiern anders als geplant: Nicht die Anwesenheit der „vier Großen“ aus dem Ausland wird das zentrale Ereignis sein, sondern das Fehlen der „zwei Großen“ aus Österreich, deren Zusammenfinden über die Gegensätze der Vergangenheit hinweg die innenpolitischen Voraussetzungen für den Staatsvertrag geschaffen hatte. Raab und Schärf, die Väter des Staatsvertrages, dürfen das zehnjährige Jubiläum dieses weltpolitischen Tauwetter-Dokuments nicht mitfeiern. Den ehemaligen Bundeskanzler und „Staatsvertrags-Außenminister“, Leopold Figl, dessen Unterschrift auf dem Dokument steht, wird man seinem Buen Retiro im niederösterreichischen Landhaus ins Belvedere holen müssen.

Es ist nicht leicht, Schärfs politische Statur zu umreißen. Seine Gegner nannten ihn häufig geringschätzig den „Hofrat“, und das war er in der Tat, aber nicht im negativen Sinn. Auch als Bundespräsident war er nicht „Staatschef“, sondern der erste Hofrat des Souveräns, des Volkes. Die guten Eigenschaften des Politikers und des Beamten ergänzten sich bei ihm; und den geistigen Fundus bezog er aus dem sozialistisch-humanistischen Bestand jener „k. u. k. Sozialdemokratie“, die ihre Führer wie keine andere Partei zum Dienst an den Menschen und nicht an den Nationen erzogen hatte.

Schärfs Tod trifft die Parteien völlig unvorbereitet: Man stritt sich seit Monaten um den Milchpreis, den Rundfunk und um das Problem, ob die verstaatlichte Industrie Nationalindustrie genannt werden dürfe oder nicht. Jetzt geht es darum, einen Nachfolger für den Bundespräsidenten zu finden – er soll zwischen dem 9. und 30. Mai in direkter Volkswahl gewählt werden, Keine der Parteien hat einen bereits „aufgebauten“ Kandidaten parat. Der ÖVP hätte in Exbundeskanzler Alfons Gorbach ein idealer Kandidat zur Verfügung gestanden, wäre er nicht von der zur Macht drängenden Mannschaft um Bundeskanzler Klaus in beschämender Weise gerade „abgebaut“ worden. Die SPÖ dachte ursprünglich daran, den Nachfolger des ehemaligen Bundespräsidenten General Körner als Wiener Bürgermeister, Franz Jonas aufzustellen – man hoffte, ihn bis zum Ende der zweiten Amtsperiode Schärfs populär machen zu können. Heute ist der Weg für alle Kandidaturen offen. Aber je mehr man versuchen wird, das Format der möglichen Kandidaten an jenem von Karl Renner, Theodor Körner und Adolf Schärf zu messen, desto klarer wird den Parteiführern zu Bewußtsein kommen, daß die Republik nicht mehr länger gleichsam vom Bestand der alten Christlichsozialen und der „k. u. k. Sozialdemokratie“ zehren kann. Claus Gatterer