Von Ossi Bruck er

Eine der wenigen Sportveranstaltungen, die eine historische Vorgeschichte haben, ist der Vasalauf in Schweden, der in gewisser Hinsicht eine Parallele zum Marathonlauf der Leichtathletik darstellt. Während der Läufer von Marathon der Siegesbote war, der die Kunde vom siegreichen Ausgang der schicksalschweren Schlacht zwischen Persern und Athenern brachte, waren die Bauern, die vor mehr als 400 Jahren den ersten „Vasalauf“ durchführten, ausgesandt, um dem fliehenden Gustav Eriksson Vasa ihre Unterstützung und Kampfbereitschaft mitzuteilen.

Im Dezember 1520 gelang dem 23jährigen Gustav Eriksson Vasa, dem späteren König Gustav Vasa, die Flucht aus dänischer Gefangenschaft. Er floh in sein Heimatland Schweden und begann in Mora am Siljansee Burschen und Bauern um sich zu scharen, die das Land von den dänischen Eindringlingen und Unterdrückern befreien sollten. Nachdem mehrere Versuche fehlgeschlagen waren, versuchte er nach Norwegen zu fliehen, wo er glaubte, Schutz und Unterstützung zu finden. Er legte die fast 90 Kilometer lange Strecke von Mora nach Sälen an der norwegischen Grenze auf primitiven Schneeschuhen zurück; doch inzwischen wollten immer mehr Bauern auch mit der Waffe für den König kämpfen. Zwei junge Bauern jagten hinter dem „Flüchtenden“ her und erreichten ihn in Sälen, wo sie ihm meldeten, daß die Bauern von Dalarna bereit wären, mit Lanze, Schwert und Axt den Kampf für ihn aufzunehmen. Sie baten ihn flehentlich, nach Mora zurückzukommen. Seine Rückkehr in die Holzkirche von Mora glich einem Triumphzug. Alsdann begann der Kampf gegen die Dänen, der mit einem glücklichen Sieg von Gustav Vasa endete. 1523 bestieg er als König Gustav I. den Thron des wiedererstandenen Reiches der Schweden. 400 Jahre später, im Jahre 1921, regte der Journalist Anders Pers zur Erinnerung an die Flucht und Rückkehr den Gustav-Vasa-Lauf, den „Vasa-Loppet“, an. Als Symbol für die triumphale Rückkehr Gustav Vasas sollte dieser Skilanglauf von Sälen nach Mora führen, wo auch das in Bronze gegossene Standbild des schwedischen Staatsgründers steht.

1922 fand der erste Vasalauf durch das „Herz Schwedens“, die schöne Provinz Dalarna (Dalekarlien), statt. Von den 119 Läufern kamen 117 ans Ziel, und Sieger wurde Ernst Alm aus Norsjö, der für die 86 Kilometer lange Strecke 7 Stunden, 32 Minuten und 49 Sekunden brauchte. Schon ein Jahr später lief der Beste, es war O. Lindberg, eine Stunde schneller. Der Vasalauf ist kein Skirennen nach den allgemeinen Bedingungen, denn alle Teilnehmer starten dabei gemeinsam. Jeder läuft, wie er es für richtig findet, und man hält sich lediglich daran, daß man die verschiedenen Kontrollstellen, passieren und in Mora durchs Ziel gehen muß. Im Lauf der Jahre entwickelte sich der „Vasaloppet“, der jeweils am ersten Sonntag im März gestartet wird und an dem bis 1951 nur Schweden teilnehmen durften, zu einem internationalen Winterfest, einer „Veranstaltung des Jahres“, die mehr als nur sportliche Bedeutung hat. An ihr teilzunehmen, gilt als besondere Ehre und als Beweis für Tüchtigkeit. Von allen Teilen Schwedens kommen Sonderzüge nach Sälen, so viele, daß man oft nicht weiß, wo all die Menschen untergebracht werden sollen. Auf Stroh, Heu und harten Pritschen, in Scheunen und Ställen, überall kampieren sie.

Am nächsten Morgen erfolgt dann der Start. Die Bretter knallen auf den harten Schnee, und die stundenlange Jagd beginnt. Alle Jahrgänge sind vertreten, und die Asse des Skisports kämpfen ebenso unverdrossen wie der unbekannte Tourist. „Nach Mora, nach Mora“, das ist der einzige Gedanke, der sie alle beherrscht. 86 Kilometer, das ist eine mörderische Distanz, auf der Verzweiflung, Erschöpfung, Verlassenheit und Mutlosigkeit liegen. Wenn die vielen Läufer schließlich an der Holzkirche von Mora, wo sie von Tausenden Zuschauern bewundert werden, durchs Ziel gehen oder taumeln, dann schwören sich viele von ihnen, diese Schinderei nie wieder mitzumachen. Doch sobald das Jahr vergangen ist, sieht man sie wieder am Start. Es ist eben ein Volksfest, das jeden anzieht und bei dem die Siegerehrung in der Holzkirche von Mora stattfindet. Jeder, der das Ziel passiert, erhält ein Diplom, und wer nicht mehr als 150 Prozent der Zeit des Siegers benötigt, wird sogar mit einer Medaille ausgezeichnet.

Spricht man vom Vasalauf, dann muß man im gleichen Atemzug den großen Triumphator Nils Karlsson aus Mora nennen, den seine Landsleute „Mora Nisse“ tauften. Was diesem „Skikönig“ gelang, brachte bisher niemand fertig: von 1943 bis 1953, als er bereits 36 Jahre alt war, wurde er neunmal Sieger im Gustav-Vasa-Lauf und stellte 1953 mit 5 : 01 : 55 sogar eine neue Rekordzeit auf, die erst acht Jahre später von seinem Landsmann David Johansson ausgelöscht wurde (4 : 45 : 10 Stunden) und heute noch besteht. Wie immer, so lächelte „Mora Nisse“ auch bei diesem, seinem letzten Rennen, als ihm das schönste Mädchen von Dalarna, in Landestracht gekleidet, wie es 1912 auch dem Olympiasieger im Marathonlauf in Stockholm geschah, noch im Laufen den Siegerkranz überwarf.

Der wohl denkwürdigste und sensationellste Zweikampf bei diesem Lauf ereignete sich im März 1928, nur 14 Tage nach Beendigung der Olympischen Spiele in St. Moritz. Schwedens beste Langläufer, der 27jährige Sven Utterström und der vier Jahre ältere Rivale Per-Erik Hedlund (er gewann in St. Moritz in Abwesenheit des erkrankten Utterström die Goldmedaille im 50-km-Langlauf), lieferten sich ein Duell auf Biegen und Brechen. Schon bald nach dem Start lösten sich diese beiden Läufer von den Konkurrenten und liefen viele Kilometer hinter- und nebeneinander her. Jeder war bemüht, dem anderen keinen Meter Boden zu schenken. 40 Kilometer währte schon der Kampf, und keiner merkte dem anderen Müdigkeit oder ein Nachlassen der Kräfte an. Keiner blieb hinter dem anderen zurück, keiner wich, und keiner sprach ein Wort. Man hörte nur das Keuchen ihres Atems und das Geräusch der gleitenden Skier. Schon mehr als drei Stunden, fast 60 Kilometer, dauerte der verbissene Kampf. Bald erschwerte der hohe Schnee den Lauf, was besonders der „Spurmacher“ Utterström zu spüren bekam, dessen Kräfte merklich nachließen. Obwohl auch Hedlund die Müdigkeit in den Beinen und Armen saß, übernahm er jetzt die Führung. Kilometer um Kilometer kämpften sich die beiden dem Ziel entgegen. Hedlund versuchte vergeblich, seinen Gegner „abzuschütteln“, aber Utterström blieb an seiner Seite und gab nicht eine Spanne Boden preis. So liefen die beiden nebeneinander dem Ziel zu, reichten sich die Hände und liefen Hand in Hand über den Zielstreifen. Der Jubel der Zuschauer brandete über die beiden Asketen hinweg, die entkräftet, aber glücklich einander in den Armen hielten. Es war ein „totes“ Rennen. Durch das Los fiel Hedlund die goldene und Utterström die silberne Medaille zu, eine Entscheidung, die Hedlund ganz und gar nicht paßte. So kam er auf den Gedanken, beide Medaillen halbieren zu lassen. Aus den vier halben Medaillen wurden wieder zwei ganze Medaillen, deren eine Hälfte aus Gold und die andere aus Silber bestand. Das war und blieb die schönste und wertvollste Medaille, der schönste Preis, den sie jemals errungen hatten.

Nachdem der schwedische Rundfunksprecher Sven Jerrings die Parole „Jeder Schwede einmal beim Vasalauf“ herausgab, ist man gespannt, ob am 7. März 1965 der Teilnehmerrekord, der 1963 mit 3886 Aktiven aufgestellt wurde, überboten wird. Ebenso gespannt ist man aber auch darauf, ob Janne Stefansson, dem im Jahre 1964, als „nur“ 3040 Läufer in Sälen starteten, ein Hat-trick gelang, seinen Titel erfolgreich verteidigen wird.