Dreitausend Studenten versammelten sich am Mittwoch vergangener Woche vor der Philosophischen Fakultät im Madrider Universitätsviertel. Vier Professoren setzten sich an ihre Spitze. Sie zogen schweigend zum Rektorat, um eine am Vortage verabschiedete Resolution zu überreichen. Sie forderten die Demokratisierung des Studenten-Syndikats, die Versammlungs-, Rede- und Lehrfreiheit an ihrer Universität. Ein großes Polizeiaufgebot verlegte ihnen den Weg. Die Demonstranten blieben diszipliniert. Sie setzten sich auf das Pflaster. Die Polizisten attackierten sie zunächst erfolglos mit Wasserwerfern, dann knüppelten sie die Studenten auseinander.

Unruhen an den Universitäten scheinen ebenso zum spanischen Vorfrühling zu gehören wie das brutale Vorgehen der uniformierten Staatsgewalt gegen die Studenten. Trotzdem sieht es so aus, als stehe das Regime in diesem Jahr vor einer ernsthaften Machtprobe mit der akademischen Jugend. Unter der Herrschaft Francos hat es noch keine so großen disziplinierten Aktionen der Studenten gegen die autoritären Methoden des Regimes gegeben wie in der vergangenen Woche. Zum ersten Male marschierten Falangisten, Demokraten und Kommunisten zusammen. Weder der rücksichtlose Einsatz der Gummiknüppel, die Verhaftung von Studenten und die Dispensierung von Professoren, noch die Schließung der Philosophischen Fakultät, des Herds der Unruhe, hat die Studenten zum Nachgeben bewegen können. Ihre Antwort war der Aufruf zum Vorlesungsstreik. Und im Gegensatz zu den Unruhen der vergangenen Jahre, an denen immer nur eine Minderheit beteiligt war, scheint sich nun eine Mehrheit der Studenten mit den Demonstranten solidarisch zu fühlen. Fünf von sieben Fakultäten folgten dem Streikaufruf sofort. In Barcelona, Bilbao und Valencia kam es zu Parallelaktionen. An der Spitze der Demonstrationszüge marschierten dort neben katholischen und liberalen Professoren auch Priester.

Der Protest richtet sich vor allem gegen das „Sindicato Espanol Universitareo“ (SEU). Die Funktionäre dieser „Gewerkschaft“, der alle Studierenden beitreten müssen, werden nicht gewählt, sondern von oben eingesetzt. Die studentische Opposition verlangt die Demokratisierung des Syndikats und gleichzeitig die Aufhebung des Verbots anderer politischer oder gewerkschaftlicher Organisationen.

Damit haben die Studenten eine Forderung übernommen, die von den spanischen Arbeitern schon seit einigen Jahren in Demonstrationen und Streiks immer wieder gestellt wird: die Umwandlung der vom Regime kontrollierten Syndikate in demokratisch organisierte Interessenvertretungen. Die politischen Herrscher Madrids haben darüber bisher nicht mit sich reden lassen. Die Syndikate sind neben Kirche und Militär eine der drei Säulen, auf denen das System Francos ruht. Und wenn diese Säule wankt, reagiert das Regime mit Gewalt.

Der Generalissimus hat in den vergangenen Jahren eine begrenzte Liberalisierung des politischen Lebens zugelassen. Franco hat begriffen daß diese innenpolitische Liberalisierung sein Regime aus einer außenpolitischen Isolierung allmählich befreien würde. Nicht begriffen hat er dagegen, daß Liberalisierung automatisch auch Demokratisierung bedeutet, daß das anachronistische System und seine Institutionen mit einer weitergehenden Liberalisierung unvereinbar sind. In der Auseinandersetzung mit den Studenten stellt sich der spanischen Oligarchie die Frage, ob sie den Weg zur Demokratisierung gehen oder aber zur Diktatur zurückkehren will. K. H.