Fritz Buschmann: Das Zweite Vaticanum, dritte Konzilphase – Wolf Frhr. v. Tucher Verlag GmbH, Diessen/Ammersee; 176 Seiten, 3,90 DM

Werner Harenberg: Mischehe und Konzil, Kreuz-Verlag, Stuttgart; 224 Seiten, 9,80 DM

Wer ein unabgeschlossenes Ereignis beschreiben will, ist übel dran. Kaum hat er das Aktuelle zu Papier gebracht, ist es auch schon vorgestrig geworden. Was brandneu sein soll, läßt uns kühl. Hoffnungslos hinkt der aktuelle Berichterstatter hinter den sogenannten Tatsachen einher.

Da lobe ich mir Nietzsche, der wohl kaum an Aktualität verloren hat, weil er nicht an die festgestellten Tatsachen, wohl aber an die Deutungen glaubte. Wer deuten will, muß empfänglich sein für Bedeutsames, darf nicht nur quick daherreden, er muß auch wach hinhören können; vor allem muß er die Unbequemlichkeit auf sich nehmen nachzudenken. Sonst gewinnt man nicht die kritische Distanz, die heutzutage manchen Kritikern wie den Nachschwätzern fehlt, eben weil man es aufs Aktuelle abgesehen hat. Gäbe es sie, müßte man indische oder chinesische Berichterstatter zum Konzil entsenden, gebildete Hindus, Buddhisten und Muslims, um Bescheid zu bekommen, was eigentlich auf dieser riesigen Kirchenversammlung geschieht. Vielleicht erführe man dann etwas mehr; nicht nur daß die Räder des Zuges rattern und mit einem progressiven Quietschen zu erkennen geben, daß eine Weiche passiert worden ist. Weichen können auch dazu dienen, den Zug auf ein parallel-laufendes Nebengleis zu verschieben. Man müßte gezeigt bekommen, wohin die Züge rollen.

Das aber erfährt man auch nicht, wenn man das sogenannte „Aktuelle Tagebuch“ von Buschmann über die letzte, dritte, die aktuelle Konzilsphase studiert.

Das Vorwort des Augsburger Bischofs Dr. Josef Stimpfle und das Impressum datieren vom Ottober 1964 – damals konnte niemand ahnen, welch bitteres Ende dieser Session bevorstand. Dennoch gibt diese Dokumentation einen wohltuend nichternen Überblick über die geleistete Arbeit und die vorliegenden Probleme. Einige Beiträge lassen aufhorchen: So stellt sich der Frankfurter Jesui tenpater Professor Semmelroth die Frage, warum sich dieses Konzil überhaupt mit der Eschatologie, mit der Lehre von den „letzten Dingen“ beschäftige; da wird wenigstens angedeutet, daß auch die römisch-katholische Kirche unterwegs ist und sich im Gehorsam gegenüber dem auf sie zukommenden richtenden Herrn verstehen lernen muß, also dem protestantischen Kirchenverständnis nahekommt. So lohnt es sich abermals, Monsignore Oesterreichers Erklärungen zur christlich-jüdischen, ja, man darf es sagen, Verständigung zu lesen, und nicht zuletzt Professor Ratzingers Beitrag zur Konzilsdiskussion über das Verhältnis von Schrift und Überlieferung. Da werden Gedanken vorgebracht, die über die aktuelle Situation hinausweisen. Da werden auch nicht nur Probleme besprochen, die, wenn es mit rechten Dingen zugegangen wäre, vor hundertfünfzig Jahren einer Lösung bedurft hätten. Merkwürdigerweise sind es heute die Theologen, die ehedem die charismatische Dynamik zu bändigen suchten, die nun vorwärtsdrängen. Die Charismatiker scheinen zu streiken.

So betrübt auch die Lektüre des Buches von Harenberg, das sich einem speziellen Problem des Konzils zuwendet.

In einem der Gespräche, die der Verfasser als Redakteur des „Spiegels“ mit namhaften evangelischen und katholischen Theologen geführt hat, erwähnt der Interviewer selbst, diese Problematik der Mischehe werde nach Meinung vieler Beobachter ein wenig zu hoch gespielt. Warum man dieser Meinung sein kann, darüber hat Harenberg nicht nachgedacht. Er gibt eine vorzügliche und, soweit man das als Nicht-Kanonist sagen kann, zuverlässige Dokumentation der kirchenrechtlichen Probleme. Über den fleißig zusammengetragenen Stellungnahmen, Verbesserungs- und Revisionsvorschlägen und über all den Paragraphen des Codex juris canonici hat er leider vergessen, daß in dieser menschlich beklagenswerten und christlich entsetzlichen Problematik eine theologische Frage lauert, der die Theologen aller Konfessionen geflissentlich aus dem Wege gehen. Dem entspricht, daß ihm auch die theologischen Gesprächspartner nicht klipp und klar erklärt haben, worum es eigentlich geht. Allseits fehlt uns nämlich eine grundlegende Theologie der Ehe: uns fehlt ganz einfach die Voraussetzung, die theologische Besinnung auf die Leibhaftigkeit des Menschen. Spätes Erbe des Neuplatonismus und der Gnosis, wer weiß; aber solange man nicht weiß, worüber zu entscheiden ist, kann man sich eben kaum entscheiden, und alle Neuregelungen bleiben peinlich an der Oberfläche juristischer Manipulationen zur Vermeidung von „Härtefällen“. So bietet diese Diskussion über die Mischehe leider zwangsläufig ein Kompendium der Vor-Urteile, die Harenberg sachlich zusammengestellt, aber nicht durchschaut hat. Fischer-Barnicol