Von Hans Dichgans

Mitte Oktober vergangenen Jahres hatte Dr. jur. Hans Dichgans, seit 1961 Mitglied des Bundestags (CDU), in einem Artikel der ZEIT (Nr. 42/1964) eine Reihe von Tabus in Frage gestellt, die bestimmte Bereiche des akademischen Lebens vor öffentlicher Erörterung und damit vor jedem verändernden Eingriff schützen. Vor allem waren es eine Reihe von verbreiteten Mißständen im Lehrbetrieb der Hochschulen, deren Behebung Dichgans dringend geboten schien: etwa die Diskrepanz zwischen Lehr- und Examensstoff, die Länge der Ferien, die den Unterricht mancher Fakultäten mehr als die Hälfte des Jahres über stillegen, das Risiko, welches den Studenten zugemutet wird, deren Prüfungsarbeiten häufig jahrelang ungelesen bleiben, überhaupt der unzulängliche „didaktische Wirkungsgrad“ der Universität, wie sie heute ist. Sein Vorschlag: der Staat solle eine gewisse (die Freiheit der Lehrmeinungen nicht berührende) Dienstaufsicht über die Hochschulen übernehmen. „Unsere Aufgabe ist es nicht, Privilegien zu schützen, sondern wir müssen dafür sorgen, daß das Geld, das wir bewilligen, den größtmöglichen Bildungseffekt schafft.“ Wie nicht anders zu erwarten, hatten Dichgans’ Thesen damals gehörigen Staub aufgewirbelt; manche Hochschullehrer argwöhnten offenbar, die Politiker gingen nunmehr daran, die Autonomie der Universitäten abzuschaffen. Es ist dies in der Tat ein Problem, das in absehbarer Zeit nichts von seiner Wichtigkeit verlieren wird: Wie können die vielen, von niemand geleugneten Mißstände in Lehre und Verwaltung der Hochschule beseitigt werden, ohne daß gleichzeitig ihre Unabhängigkeit geopfert wird? Heute setzt Hans Dichgans seine Überlegungen fort; ihr Gegenstand ist vor allem die Art und Weise einer solchen Dienstauf sieht. In der nächsten Ausgabe wird ein Hochschullehrer das Wort haben: Professor Dr. Walther Killy.

Bei einer Diskussion über die Hochschulaufsicht sprach kürzlich ein Professor von „grober Irreführung“, weil die Möglichkeit von Disziplinarverfahren unerwähnt geblieben war. Nun, wer hier Vollständigkeit erstrebt, müßte noch das Strafverfahren aufzählen, das stattfindet, wenn ein Professor eine Studentin verprügelt oder die Institutskasse unterschlägt. Daß man diese Möglichkeiten überhaupt erwähnen muß, um die Existenz einer Hochschulaufsicht darzutun, beweist die Richtigkeit der These: Es gibt bei uns keine Hochschulaufsicht.

Es wäre jedoch abwegig, die Oberwindung unserer Hochschulschwierigkeiten in neuen, auf den Einzelfall ausgerichteten Interventionsmöglichkeiten des Staates zu suchen. Mit ausführlichen Gebots- und Verbotslisten, mit Kontroll- und Zwangsbefugnissen kann man die empfindliche Struktur unserer Hochschulen nicht steuern. Wenn ein Professor von seinem akademischen Recht, sich jederzeit für drei Tage selbst zu beurlauben, sehr großzügig Gebrauch macht; wenn er in letzter Minute mitteilt, daß er erst sechs Wochen später aus den USA zurückkomme und daß seine Vorlesung deshalb erst am 15. Dezember beginnen könne; wenn er ein Freisemester, erbeten und gewährt zur Erledigung rückständiger Doktorarbeiten, in Indien verbringt; wenn er sein Oberseminar durch übertriebene Verschärfung der Zulassungsbedingungen künstlich verkleinert, weit über das Maß des für die Ausbildung Notwendigen hinaus; wenn er Prüfungsarbeiten ausgibt, deren Schwierigkeit zu einer Überschreitung der vorgesehenen Zeit um das Doppelte oder Dreifache zwingt; wenn er den Studenten völlig im Ungewissen darüber läßt, was in der Prüfung von ihm erwartet wird: Kann man solche Erscheinungen mit justizförmigen Verfahren bekämpfen? Offensichtlich nicht.

Eine Besserung ist vielmehr nur zu erwarten, wenn die Universitäten selbst solche Zustände als Mißstände erkennen und energisch bekämpfen. Dazu reicht die unzweifelhaft vorhandene Gutwilligkeit der großen Mehrheit unserer Professoren nicht aus. Der Staat muß dafür sorgen, daß alle Studenten, bei welchem Professor auch immer sie studieren, ständig ordnungsgemäß unterrichtet und betreut werden. Jeder einzelne Professor muß sein Verhalten demgemäß einrichten. Soweit notwendig, muß er zu einer Überprüfung seines Verhaltens angehalten werden.

Damit sind wir beim Kern des Problems. Beim Ausbau der Hochschulaufsicht handelt es sich nicht um die Vermehrung der Anordnungs- und Anweisungsrechte, nicht um eine Verstärkung des Mechanismus von Befehl und Gehorsam. Die Aufgabe besteht vielmehr darin, oberhalb der Professoren eine persönliche Autorität zu schaffen, deren Wirkung nicht in der Rechtsstellung eines Beschwerderichters, sondern in dem Einfluß der Persönlichkeit liegt. Es muß jemanden geben, der berechtigt ist, aus genauer Kenntnis der Universität Fragen zu stellen und Vorschläge zu machen, eine Persönlichkeit, deren Tadel die Betroffenen gern vermeiden möchten.

Humboldt hatte diese Organisationsaufgabe vollkommen gelöst. Der Kurator der alten preußischen Universität mit dem Prädikat „Exzellenz“, in der höfischen Rangordnung hoch eingestuft, mit einer weitläufigen, auf große Repräsentation zugeschnittenen Dienstwohnung und einer Kutsche mit zwei Pferden, besaß die persönliche Autorität, um die Interessen des Staates gegenüber dem Individualismus der Professoren wirksam zur Geltung zu bringen. Seine Stellung war weit bedeutsamer als die Summe seiner juristischen Befugnisse. Das Verhältnis der Universität zum Kurator war nicht das einer primitiven Unterstellung unter seine Befehlsgewalt, sondern das der Einordnung einer selbständigen und oft auch sehr selbstbewußten Autonomie in ein Machtgefüge höherer Ordnung, vergleichbar etwa der Stellung der mächtigen rheinischen Oberbürgermeister der wilhelminischen Zeit – Konrad Adenauer gehörte noch dazu – zu ihrem Oberpräsidenten, der den Staat in der Provinz verkörperte.