Der Besuch Walter Ulbrichts in Kairo wird als eine Herausforderung der Bundesrepublik gewertet. Das ist sicherlich richtig. Aber diese Herausforderung ist nicht der einzige Zweck dieser Reise. Kairo ist nicht nur die Hauptstadt Ägyptens, es ist seit dem Tode Nehrus gleichzeitig die inoffizielle Hauptstadt der „Dritten Welt“. Auch in diesem Rahmen muß die demonstrative Einladung des Regierungschefs der DDR gewertet werden.

Es gibt seit Jahren Versuche einzelner oder kleinerer Gruppen der blockfreien Staaten, trotz der Wirtschaftshilfe aus Bonn die Bande zur DDR enger zu knüpfen. Und seit Jahren bemühen sich Parteigänger der Linken in diesem Kreis – wie Nkrumah, Sukarno und Sekou Touré – die blockfreien Staaten aus ihrer neutralen Position zwischen Ost und West näher an den Ostblock heranzuführen. Auf der Gipfelkonferenz der Blockfreien in Belgrad im Herbst 1963 wurden beide Tendenzen klar erkennbar.

Es war Nehru, der immer wieder dafür sorgte, daß derartige Versuche scheiterten. Nehru war zwar durchaus kein Verbündeter des Westens und schon gar kein Parteigänger der Bundesrepublik. Aber er war ein Gegner des Kommunismus, und er kämpfte für die gleichmäßige Distanzierung der Blockfreien von beiden Blöcken. Sein Ansehen als Begründer der politischen Konzeption der Blockfreiheit war so groß, daß die Befürworter eines engeren Zusammengehens mit den Kommunisten sich gegen ihn niemals durchsetzen konnten.

Nehrus Tod hat diese Situation in vieler Hinsicht geändert. Zunächst ist Indien ohne Nehru zur Zeit keine politische Führungsmacht mehr in diesem Kreis. Die drohende neue Auseinandersetzung mit China hat die Regierung in Delhi zu noch engerem Kontakt mit dem Westen gezwungen. Das macht viele der jungen Staaten, die noch voller Ressentiments gegen den Kolonialismus und voller Abneigung gegen den Westen sind, mißtrauisch gegen Indien. Und Shastri ist zu unbekannt, besitzt nicht das fast legendäre Ansehen, das Nehru besaß und das nötig wäre, um trotz prowestlicher Neigungen den politischen Kurs der blockfreien Staaten entscheidend beeinflussen oder gar steuern zu können.

Hinter den Kulissen wird im Kreise der Blockfreien heute erbittert um Nehrus Mantel gerungen – um die Position des Sprechers der „Dritten Welt“. Die Einladung Nassers an Ulbricht ist ein Schachzug auch in diesem Ringen.

Favorit unter den Kandidaten für die Nachfolge Nehrus ist zur Zeit Nasser. Ägypten ist zwar im Vergleich zu Indien ein kleines Land; und seine dreißig Millionen Menschen sind nicht einmal ein Drittel der Einwohner, die Japan, Pakistan oder Indonesien aufweisen können. Aber Ägypten liegt an der Nahtstelle zweier Kontinente, es bildet die Brücke zwischen Asien und Afrika, es kontrolliert die Schiffsverbindungen zwischen Europa und dem Fernen Osten. Und die dreißig Millionen Ägypter sind nur ein Teil jener hundert Millionen Araber, die den weiten Raum zwischen dem Persischen Golf und der marokkanischen Atlantikküste bewohnen.

Wichtiger als Größe und Bevölkerungszahl Ägyptens und seiner arabischen Nachbarn ist die Persönlichkeit Nassers. Nasser regiert seit dreizehn Jahren. Das zeigt eine beachtliche innenpolitische Stabilität in der recht unstabilen „blockfreien“ Welt.