Französische Männer – Deutsche Männer Aufgenommen

von Karin Székessy

Im Augenblick, wo die Bonner Politik einer geballten Kritik im Auslande, in der auch das Vergangene wieder beleuchtet wird, begegnet, stellt sich alle Welt die alte Frage: Wer eigentlich sind diese Deutschen? Die ZEIT hat daher letzthin einigen Betrachtungen Raum gegeben, in denen wohlinformierte Persönlichkeiten das Bild zeichneten, das man sich – ob falsch oder richtig – im jeweiligen Lande von uns Deutschen macht. Jean Cau hingegen, der französische Journalist und Schriftsteller, bietet eigene, persönliche Eindrücke dar, die er in Westdeutschland empfing. In Frankreich hat sein Bericht, dessen Abdruck wir in der vorigen Ausgabe der ZEIT begannen, großes Aufsehen erregt: Widerspruch und Zustimmung.

Was immer Symbole eines Volkes wert sein mögen – sie sind nicht durch Zufall so. Der gallische Hahn stelzt mit seinem Federbusch im Hühnerhof umher, der von Hecken und Maschendraht umzäunt ist. Der deutsche Adler schwebt, und sein Blick aus Himmelshöhe offenbart ihm Königreiche oder gaukelt sie ihm vor. Vergessen wir ihre Sprache nicht: Sie ist ihr Wesensausdruck, ihr Gleichnis – eine Sprache, die nicht ist, sondern immer wird‚ die immer zerbricht und sich erneuert, die ihr Knochengerüst verliert in Präpositionen, die von einem Ende des Satzes zum andern herumspazieren, diese Sprache, die das mächtigste Instrument sein kann, das es gibt, um alle Tiefen zu durchbohren. (Obersetzen Sie Shakespeare ins Deutsche: Er wird schwer von Düsternissen und von Schönheit, und wie leicht wird er im Französischen durch den Ausdruck der Klarheit.) Was tut eine Sprache, die sich unaufhörlich Eigenschöpfungen einverleibt, die sich zum Erstarren bringt in zusammengesetzten Worten, in denen aber auch verschiedene Ausdrücke zu einem einzigen Begriff geballt werden! In Deutschland müssen selbst die Worte sich vereinen, müssen zusammenschmelzen, um glücklich zu sein, müssen sich zu dritt oder zu viert zusammentun und ein kleines Meeting veranstalten, auf daß „es“ Wort werde.

Zu Nürnberg betrachte ich auf den Straßen, in den Warenhäusern und Wirtschaften, auf Bauplätzen die deutschen Gesichter. Ich forsche in den Zügen der Männer, die um vierzig Jahre alt sind. Allen dichte ich eine „Biographie“ an. Allen leiht meine Einbildungskraft eine Uniform. Alle, so denke ich, waren noch Soldaten, Bürger des „Dritten Reiches“. Fast alle träumten sie die Träume ihres Meisters, selbst wenn sie noch vor dem Ende des Alptraums zur Vernunft erwachten. Ernsthafte und gelehrige Arbeiter, so sind die Deutschen in ihrem methodischen Enthusiasmus Nazis von Methode und Enthusiasmus gewesen. Hitler gab ihnen die Aufgabe, das zu lieben, was sie ohnehin lieben: die Arbeit, die Disziplin, die Wirkungskraft und ihre eigene Art – sei’s brennend und fanatisch in der Exaltation und im Kriege, sei es gutmütig und folkloristisch im Frieden –, zusammen zu sein und sich die Hände zu reichen.

Mit Gesang – so folgten sie dem Rattenfänger, geradenwegs im Takt der Herzen, im gleichen Schritt. Es gibt etwas von düsterer Komik, aber bar jeden Humors in der Geschichte dieses Volkes, das alle zwanzig Jahre singend in den Krieg zieht, das Auge wild, die Brust geschwellt, und mit gesenkten Ohren und mit schleppenden Pfoten in seine zerstörten Städte zurückkehrt, zu den toten Kindern, den vergewaltigten Frauen.