Tief in seinem Herzen denkt Deutschland: "Ich bin es und bin’s auch nicht!"

Und so nehmen wir an dem seltsamsten Prozeß teil, der nur denkbar ist: an dem Gerichtstag, den die Deutschen über sich selber halten und in dessen Verlauf die Spiegel sich so geschwinde hin und her drehen, daß man schließlich ganz schwindelig davon wird. Mit einer Gutgläubigkeit, die erstaunt und entwaffnet, sitzt Deutschland über sich selbst zu Gericht. Ganz genau studieren die Richter die gewaltigen Aktensammlungen der Naziverbrechen und heften die Dokumente sorgfältig an vier Reißbrettstiften vor aller Augen an. Journalisten schreiben lange Berichte über diese Prozesse. Pfarrer und Pastoren erinnern in ihren Predigten an die Schreckenstaten in den Konzentrationslagern. Aber sehen Sie: Man könnte sagen, daß zur selben Zeit das Volk in seiner Masse sich um diese Prozesse nicht mehr und nicht weniger bekümmert als damals um den ersten Hitlergruß. Man könnte sagen: Treu dem Prinzip der Arbeitsteilung haben die Deutschen die Richter, die Journalisten, die Pastoren und, Pfarrer gewissermaßen in die Abteilung Schuldgefühle und Schuldbekenntnisse delegiert. Und sie erfüllen mit Methode und Hingabe diese ihre Pflicht. Während die anderen Deutschen Stahlwerke bauen, Geschäfte gründen, sich um den "Gemeinsamen Markt" kümmern, um Bündnisse, um die Wiedervereinigung, um Medizin, Archäologie, Philosophie, Sport und was nicht noch alles.

Wenn man sich all diese lawinenhaft herniederbrechenden Prozesse, all diese Anklage- und Aufklärungsschriften, all diese Predigten vor Augen hält, so sollte man tatsächlich meinen, das deutsche Volk müßte vor Scham vergehen und einem jener Helden von Dostojewski gleichen, die sich selbstquälerisch geißeln in Mißachtung des eigenen Ich. Aber das ist nicht der Fall. Unschuldig diese Tausende und aber Tausende von trinker im Wirtshaus, harmlos diese gutgestellten Touristen, die unter der Sonne Frankreichs, Spaniens und Italiens ihre Haut bräunen lassen, unschuldig diese Tausende und Abertausende von Arbeitern und Angestellten, die sich an schönen Sommertagen vergnüglich am Rheinufer tummeln. Es ist ein Fehlschluß zu glauben, daß ein ganzes Volk sich schuldig fühlen und immerzu an die eigene Brust klopfen könne. Ist es etwa in Frankreich anders? Wer erinnert sich an die Tausende von Algeriern, die wir gemartert haben? Wer wagt es zu behaupten, daß alle Franzosen sich schuldig fühlten?

Will man mir entgegnen, daß der FLN (die algerische "Befreiungsfront") auch nicht wenig gesündigt habe? Oder daß ein Verbrechen an Tausenden von Arabern weniger schwer wiege als der Mord an acht Millionen Juden? Kann sein! Aber gelten auch bei Schreckenstaten und bei Verbrechen die Statistiken und Ausgleichschancen? So und so vielen Marterungen an Algeriern würde man dann so und so viele von Algeriern erwürgte Bauern gegenüberstellen und hinzufügen, daß es in Deutschland ganz anders gewesen sei: Dort habe das Verbrechen noch mehr Ausdehnung gehabt.

Wenn das so ist, dann bin ich Deutscher. Exmitglied der Nazipartei (6 500 000 Angehörige im Jahre 1943!), Exsoldat der Wehrmacht oder der kämpfenden SS (nicht der Polizei- und Gestapo-SS). Und wenn man mich dann deshalb angriffe, so ginge ich so weit, ein paar Gegenrechnungen aufzustellen: Warum die Terrorangriffe, die den Krieg nicht um einen einzigen Tag verkürzt haben? Warum die 40 000 durch Phosphor verbrannten Kinder in Hamburg? Und warum mußten 120 000 Frauen, Kinder und Greise auf einen einzigen Schlag in den Ruinen von Dresden umkommen? Warum wurden Städte ausradiert? Warum Krankenhäuser, Schulen, Museen, Kirchen und Bibliotheken verbrannt? Warum wurden Hunderttausende von harmlosen Zivilisten von Bomben zerrissen? Warum gab es Hiroshima und Nagasaki? Etwa wegen Auschwitz und seinen Gaskammern, von deren Existenz eure Piloten, eure Generäle, eure Politiker und eure Völker nichts gewußt haben?

Man würde mir vielleicht entgegenhalten, daß "die Deutschen angefangen haben". Ja, das ist wahr. Es ist auch wahr, daß der maßlose Nazi-Terror, wenn auch nicht genau bekannt, so doch erahnbar war und geahnt wurde. Ist es aber außerdem noch wahr, daß Grausamkeiten nur immer schlimmere Grausamkeiten hervorrufen, dann sollten wir zugeben, daß auch wir die Schwelle überschritten haben ...

Jedenfalls würde ich, wäre ich ein Deutscher, dies zu bedenken geben in dem Falle, wo ein Franzose, der ganz munter und seelisch intakt aus dem Algerienkriege heimgekehrt ist, seine Vergleichsstatistiken ausbreiten und mich (als Deutschen), mich und mein Volk für schuldig erklären würde. (Wird fortgesetzt)