Als die amerikanischen GIs 1945 nach Deutschland kamen, war es oft ihre zweite Frage: „Wo bekomme ich eine Leica?“ Die kleine, handliche Kamera gehörte vor dem Zweiten Weltkrieg ebenso wie etwa Zeiss-Mikroskope, Montblanc-Füllfederhalter oder Rosenthal-Porzellan zu jenen Produkten, die in aller Welt die deutsche Wertarbeit repräsentierten. An Symbolgehalt wird sie seitdem wohl nur von dem Volkswagen übertroffen.

Zwanzig Jahre nach dem Tod von Oskar Barnack, dem Vater der „Leica“, bekam sie jetzt eine Schwester, die „Leicaflex“ – eine „einäugige Spiegelreflex-Kamera“ und gleichzeitig ein vielleicht etwas später Reflex der Leitz-Werke auf die Erfolge der japanischen Konkurrenz.

Nur wenige der mehr als eine Million Leica-Besitzer sind sich bewußt, daß ihr Fotoapparat im Prinzip schon fünfzig Jahre alt ist. Oskar Barnack, seinerzeit technischer Mitarbeiter der kleinen, renommierten Mikroskopfabrik Ernst Leitz in Wetzlar, bastelte die „Ur-Leica“ schon 1913 zusammen. Bei seinen photographischen Experimenten hatte sich Barnack redlich mit den klobigen Plattenkameras jener Tage abgeschleppt, und sehnte sich deshalb nach einer handlichen Kleinkamera. Seine Kernidee: den 35 mm breiten Kinofilm, der damals schon in Mengen für die Kinematographen hergestellt wurde, auch den Photographen nutzbar zu machen.

Es dauerte freilich noch zehn Jahre, ehe sich Firmenchef Dr. Ernst Leitz entschloß, Barnacks Kleinkamera zu produzieren und unter dem Namen „LEITZ CAMERA“ auf den Markt zu bringen. Sie setzte die Norm für alle späteren Kleinbildkameras, die wie die Leica auf einem Filmstreifen 36 Aufnahmen im Format 24×36 mm liefern. Als „Leica-System“ fand sie gleichermaßen Anklang bei Amateuren, Profi-Photographen und vor allem bei Wissenschaftlern.

Eine Serie von Jubiläumsgeschenken markiert den erstaunlichen Erfolg: 1928 übergaben die Leitz-Werke die zehntausendste Leica dem Luftschiffskapitän Dr. Eckener; 1932 nahm der Tiefseeforscher Professor Piccard die Leica Nummer 75 000 in Empfang; 1950 schenkte die Firma ihrem neuen Chef Dr. Ernst Leitz II die Kamera Nummer 500 000 und 1961 dem „Life“-Photographen Alfred Eisenstaedt die Nummer 1 000 001. Bis heute wurden mehr als 1,1 Millionen Leicas und mehr als zwei Millionen Objektive verkauft, und die Kamera gilt noch immer als die zuverlässigste unter Dutzenden von Nachahmungen.

Mit der Leitz’schen Kamera entstand in den zwanziger Jahren ein neuer photographischer Stil, denn die Leica-Photographen konnten dank der Handlichkeit und Leistung der kleinen Kamera in Bereiche eindringen, die vorher als nicht photographierbar galten. So wechselte beispielsweise der berühmte Dr. Salomon, der als einer der ersten lebendige Situationsbilder prominenter Leute unter ungünstigen Lichtverhältnissen ohne Blitzlicht aufnahm, alsbald zur Leica über. Besonders die Magazin-Photographen nutzten die neuen Möglichkeiten, etwa der Deutsch-Amerikaner Eisenstaedt, dessen Bilder zunächst die „Berliner Illustrirte“ revolutionierten und später das Gesicht der amerikanischen Illustrierten „Life“ prägten.

Der legendäre Ruf der Kamera schlug sich in vielen Anekdoten nieder, wie etwa in der Geschichte von einem amerikanischen Fallschirmspringer, der in 700 Meter Höhe während eines Sprunges seine Leica verlor, sie später aus einem Acker ausgrub und munter weiterknipste. Ist es ein Wunder, wenn die Firma sagt: „Bei uns gibt es praktisch keine Reklamationen“?