Von Marianne Kesting

Nur mit Vorbehalt oder weil sich eben kein anderes Ersatzwort anbietet, kann man den ersten Roman von

Ror Wolf: „Fortsetzung des Berichts“; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 272 S., 16,– DM

als einen Roman bezeichnen. Dieser „Bericht“ beginnt mitten in einem Vorgang, nämlich dem des Essens, und mündet in den gleichen Vorgang: der Fortsetzung des Essens. Den losen Rahmen erhält die „Handlung“ lediglich durch die einleitenden Worte der Frau: „Es ist soweit“, die sich zum Schluß wiederholen und damit die Fortsetzung der Fortsetzung ankündigen.

Wir haben es also mit einer rahmenlosen, einer aformalen Form zu tun, eher mit einem Prozeß, der im Fortwuchern und Assoziieren, dem dschungelhaften Ausbreiten und Verdichten der Sätze ein ebenso wucherndes und dschungelhaftes Geschehen wiedergibt, das über seinen Anlaß hinaus ins Ungeheuerliche wächst. Wörter und Sätze werden, nachdem sie irgendeinen Anstoß durch Sinneswahrnehmung empfangen haben, selbsttätig, sie pflanzen sich nach vielen Seiten zugleich fort, durchziehen einander, verdichten sich zu einem Gestrüpp, brechen plötzlich ab oder erstarren in einem Bild.

Der Inhalt des „Berichts“ ist mit dieser Form verschmolzen, ja, Form und Inhalt sind hier gar nicht mehr genau zu trennen. Geschildert wird der Vorgang des Essens, und er wächst sich schließlich zu einer Apokalypse des Essens aus. In immer neuen Anläufen, die ihren Impuls aus dem banalen Vorgang einer Mahlzeit empfangen, entfaltet Wolf alle Dimensionen des Fressens und Gefressenwerdens, einen Kosmos dumpfer Materialität, verfangen im unaufhörlichen Prozeß des Verzehrens, der Paarung, des gegenseitigen Tötens, der Verwesung, die wiederum ein Heer von Schmarotzern speist.

Um diese totale Mahlzeit kreisen die Geschichten der Metzger, der Köche, der Bauern, der Tiere, also der Produzenten und Verarbeiter des Futters, zu denen sich, als letzte Konsumenten, der Tod und die Erde selbst gesellen.