Von Vitus Dröscher

Ein winziger Magnetkompaß im Auge der Brieftaube soll dem Vogel die Heimatrichtung zeigen, wenn er sich bei bewölktem Himmel nicht mehr nach dem Sonnenstand orientieren kann. Mit dieser Hypothese knüpft der Mathematiker Lester Talkington vom Institut für praktische Mathematik der IBM in New York dort an, wo die deutsche Wissenschaft bei der Erforschung der magnetischen Sinne der Brieftaube 1933 stehengeblieben ist.

Damals hatte der Berliner Geomagnetiker Professor Hermann Reich hochinteressante Experimente mit Brieftauben der Reichswehr unternommen. Er verfrachtete die Tiere von Berlin in die Nähe des Kyffhäusers. Dort verlaufen die erdmagnetischen Feldlinien infolge unterirdischer Eisenlagerstätten nicht normal. Je nördlicher ein Punkt auf der Erdkugel liegt, desto steiler fallen dort im allgemeinen die Feldlinien ein. Hier aber war es umgekehrt. Und prompt starteten die Tauben nicht in nördlicher, sondern in südlicher, also falscher Richtung.

Dr. Talkington sagt nun auf Grund theoretischer Überlegungen dasselbe: Die geographische Breite jedes Punktes auf der Erde ist – von gewissen Abweichungen abgesehen – durch die Steilheit des Einfalls der magnetischen Feldlinien in etwa gegeben. Eine verfrachtete Taube, die fähig ist, diese Steilheit zu erkennen, müßte sofort wissen: Ich muß diesen oder jenen Kurs fliegen, um die magnetische Steilheit meines Heimatschlages zu erreichen. Möglicherweise stellt sie die Richtung, die sie dieser Steilheit näherbringt, während des „Rundendrehens“ unmittelbar nach dem Auflassen fest. Ist das magnetische Unterscheidungsvermögen der Taube genauso fein ausgebildet wie ihr optisches, müßte sie in der Lage sein, bereits eine nord-südliche Ortsveränderung von 30 Metern allein am Magnetismus zu bemerken.

Soweit ist aber nur etwas über die Nord-Süd-Richtung gesagt und noch gar nichts über die West- oder Ost-Komponente. Die wissenschaftliche Fassung Dr. Talkingtons Erklärung hört sich so an: „Der Kurs ist durch eine mathematische Beziehung zwischen zwei Komponenten des Erdmagnetismus bestimmt.“ Das bedeutet etwa folgendes: Während die Brieftaube im Transportkäfig verfrachtet wird, registriert ihr Gehirn alle Richtungswinkel relativ zum magnetischen Nordpol bei gleichzeitiger Veränderung der Steilheit. Macht man mit der Taube eine „Stadtrundfahrt“ oder befördert man sie kreuz und quer über Land, läßt sie sich trotzdem nicht verwirren, da ihr Gehirn aus der Summe aller Fahrtwinkel einen zeitlichen Mittelwert bildet und daraus ein Bild gewinnt, in welcher Weise sich die magnetischen Feldlinien auf dem Rückweg verändern müssen.

So phantastisch und kompliziert das klingt, in der Natur ist es etwas Alltägliches. Spurbienen und Beutesuchameisen legen vom heimatlichen Korb oder Haufen sehr verwickelte Zickzackwege zurück, ohne ihr Heim im Auge zu behalten. Trotzdem kennen sie jederzeit genau die Richtung, die nach Hause führt, dank einer zeitlichen Mittelwertbildung aus allen Kurswinkeln und einer anschließenden Umkehr um 180 Grad.

Zur experimentellen Überprüfung seiner Hypothese führte der amerikanische Mathematiker folgende Versuche aus. Von Fort Monmouth in New Jersey aus verfrachtete er Brieftauben nach einem Ort, von dem zwei verschiedene Wege mit nahezu derselben magnetischen Charakteristik heimwärts führten: New Hanover, 140 Kilometer westlich gelegen. Die dort aufgelassenen Vögel verfolgte er mit dem Flugzeug. Tatsächlich benutzten die Tiere beide Wege, obgleich der eine einen Riesenumweg fast bis Philadelphia machte.