Angesichts einer Krise hat sich die Luftfahrtindustrie konzentriert

am Freitag vorletzter Woche bekannt wurde, daß die Deutsche Lufthansa sich für das Kurzstreckenflugzeug Boeing 737 entschieden hat, spielten kurze Zeit später die Telephondrähte zwischen Ottobrunn bei München und Seattle, wo die Boeing Company ihren Sitz hat. Nachdem die Amerikaner sich vor einem Vierteljahr bei der Bölkow GmbH in Ottobrunn eingekauft haben, ist die Hoffnung nicht unbegründet, daß einige Teile der Boeing 737 in süddeutschen Flugzeugwerken angefertigt werden.

Aber auch im Norden keimt die Hoffnung, die mühsam herangezogenen Facharbeiter künftig stärker mit einer zivilen Produktion zu beschäftigen. In seinem Direktionszimmer am Rande des Bremer Flughafens zieht Geschäftsführer Pasche von den Vereinigten Flugtechnischen Werken GmbH aus seiner Schreibtischschublade einen blauen Schnellhefter, auf dem ein maschineubeschriebenen Zettel klebt: „VFW 614, Konzeption und Marktaussichten.“

Wenn alles planmäßig läuft, soll dies das erste Verkehrsflugzeug werden, das von der deutschen Luftfahrtindustrie nach dem Kriege entwickelt wird.

In Finkenwerder haben inzwischen die Hamburger Flugzeugwerke nicht nur ihr Kapital erhöht, sie haben auch die erste kleine Serie ihres-, Geschäftsreiseflugzeugs HFB 320 „Hansa“ aufgelegt und die beiden Prototypen auf Probe- und Vorführungsflügen in alle Welt geschickt. Zwölf Aufträge sind die Frucht ihrer Bemühungen.

Offenbar mußte die Luftfahrtindustrie erst in jenes „Tal der Tränen“, von dem Professor Thalau, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie, vor Jahresfrist sprach, bevor sie selbst nach einer vernünftigen Konzeption für die Zukunft suchte. Erschreckt hatten die Verantwortlichen damals feststellen müssen, daß das Bundesverteidigungsministerium nicht wie einst Hermann Gcrings Luftfahrtministerium für eine kontinuierliche Beschäftigung sorgte. Nach dem ersten Rüstungsboom, bei dem der Lizenzbau des Jagdflugzeugs F 104 „Starfighter“ der größte Brocken war, kam ein Auftragstief.

Angesichts dieser Misere siegte in einigen der Unternehmen denn doch die Vernunft über die Querelen und Eifersüchteleien, die bis dahin einen Zusammenschluß zu lebensfähigen Gruppen verhindert hatte. Des Streites müde, war man in der Bonner Ministerialbürokratie eigentlich schon zu dem resignierenden Kommentar gekommen: „Allein stirbt es sich offenbar schöner.“