Da lesen wir bangen Herzens, was in Vietnam geschieht. Wir bemühen uns, Vietcongs und Vietnims auseinanderzuhalten. Wir rechnen nach, der wievielte Putsch gerade geputscht wird und welcher unaussprechbare General gerade am Ruder ist. Und was geschieht? Die Vietnamesische Touristenagentur lädt zu Ferien im sonnigen Vietnam ein.

Die Weltindustrie des Tourismus‘ bemächtigt sich nun auch der Weltgeschichte. Es wird immer klarer: Touristenagenturen bilden den Kern aller Regierungen. Nationale Belange werden dem Touristenmoloch geopfert. Auf bunten Plakaten wird für Viet-Ferien geworben, mit französischer Küche und einheimischen Spezialitäten, die freilich nicht besonders erklärt werden; dafür wird ängstlichen Reisenden versichert, Saigon sei recht ruhig, und Schießereien fänden höchstens nachts in den Vororten statt. Da kann sich der Tourist im sicheren Hotelbett hübsch gruseln und hoffen, die Vietcongs hätten gute Stadtpläne und verirrten sich nicht in der Gegend,

Als ich mich in der Reiseagentur erkundigte, sah mich die blonde Fee etwas schräg an. Aber in ihrem Blick lag etwas Bewunderndes, als wollte sie sagen, endlich mal ein Tourist, der nicht nur an die Costa Brava will. „Ja, Viet-Ferien sind mal ganz was anderes“, meinte sie so überzeugend, als käme sie gerade aus Saigon. „Außerdem sehr anregend für intelligente Reisende, die Geschichte im Werden erleben wollen.“ Ich vergab ihr, denn sie war zu jung, um größere Weltgeschichte miterlebt zu haben.

Als ich mir das gerade überlegte und noch zauderte, versetzte mir die junge Dame den letzten Touristenstoß. Drei Schullehrerinnen, so sagte sie, hätten bereits gebucht und könnten die Sommerferien kaum erwarten. Auch mehrere sehr feine Herren wollten Geschichte erleben, ich könnte mich ihnen sofort anschließen, zum Sonderpreis von 6500 Mark, alles eingeschlossen. Denn Vietnam sei sehr begierig, das Land für den Tourismus zu erschließen.

Dann erklärte mir der hinzutretende Chef, amerikanische Reiseagenturen hätten bereits einen Braintrust gebildet, um schöne Touren durch Vietnam zu planen. Man hoffe sogar, im Einvernehmen mit dem sowjetischen Reisebüro „Intourist“, die Auflage auf Hanoi auszudehnen. Selbstverständlich stünden dafür Luxusomnibusse bereit, selbstverständlich würden einheimische Volksbräuche von Vietcongs und Vietnims vorgeführt. Nebenbei könne man auch die geduldigen Bauern bei ihrer Arbeit auf den Reisfeldern betrachten. Aber ganz abgesehen vom Studium der interessanten Eingeborenen, seien ja auch viele Amerikaner schon dort, die es langweilig fänden, immer nur Bomben in Flugzeuge zu laden oder durch versumpfte Dschungel zu stapfen: Sie würden sich gern bei einem Glas Bier mit Touristen über Geschichte im Werden unterhalten.

Trotz des günstigen Angebots zögerte ich noch immer, Viet-Ferien zu machen, obwohl die Aussichten großartig sind. Eine gänzlich neue Art von Tourismus ist im Entstehen, er schließt Touren nach Borneo, Malaysia, Angola und in den Kongo ein. Mit garantierten Erschießungen bei günstigen Tageszeiten. Gute Plätze bei Missionarbefreiungen und Gelegenheit, Farbphotos zu machen. Allerdings bedingen wohl größere Gefechte Zuschlag, wegen erhöhter Unkosten. Der Wunschtraum des Touristen, Geschichte zu erleben, kann jetzt von einer rührigen Industrie erfüllt werden. Aber nicht nur der Tourismus wird von der neuen Geschichtswelle profitieren, es ergeben sich noch ungeahnte wirtschaftliche Perspektiven: Von der Bekleidungsindustrie werden sicherlich bald sportliche Tarnanzüge angeboten werden sowie natürlich auch Tarn-Bikinis, wenn man mal Geschichtspause machen will. Auch für „son et lumiere“ bestehen neue Möglichkeiten. Die Programme. brauchen sich nur mit alten Ruinen abzugeben: blitzneue werden vor den Augen der Zuschauer geschaffen, mit modernsten Napalm-Bomben und bengalischer Beleuchtung.

Wer will da schon noch auf eine zahme Berliner Mauer sehen, das geteilte Jerusalem ist ohnehin ein alter Hut. Das einzige Risiko für den neuen Tourismus ist, daß Frieden ausbräche. Aber eine gut fundierte Industrie wird das schon verhindern. H. M. Nieter O’Leary