Von Kurt Simon

Die ägyptische Finsternis über der deutschen Nahost-Politik hat in der Bundesrepublik eine zwar verständliche, aber gefährliche Reaktion hervorgerufen. Wenn uns Staatschef Nasser zum Dank für eine Entwicklungshilfe von über einer Milliarde Mark Blutsauger nennt und unserer Regierung einen Fußtritt nach dem anderen versetzt, kann die Frage nicht ausbleiben, ob die Hilfen für Ägypten und andere wenig entwickelte Länder überhaupt sinnvoll sind.

Jäh aufbrausend ob des erlittenen Undanks die Wirtschafts- und Ausbildungshilfen nicht nur gegenüber Kairo, sondern allgemein gegenüber den Entwicklungsländern einzuschränken oder gar einzustellen, wäre indessen eine kurzsichtige Reaktion. Unsere Hilfe für die jungen Staaten ist notwendig. Es sind nicht allein humanitäre und karitative Beweggründe, die dieses Urteil bestimmen. Hätte die moderne Technik durch Überwindung von Raum und Zeit nicht die Völker der ganzen Welt zu Nachbarn gemacht, fänden sich die Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika mit ihrer Armut vermutlich ebenso ab wie unsere eigenen Vorfahren vor hundertfünfzig Jahren. So aber drängt der Unterschied der Lebensbedingungen zwischen der nördlichen und südlichen Halbkugel auf einen Ausgleich.

Die wirschaftlichen Beweggründe der Entwicklungshilfe werden zu oft unterbewertet, obwohl sich die Industrieländer ihrer gewiß nicht zu schämen brauchen. Schon heute erleichtern sie den Ausbau der Handelsbeziehungen und tragen ihren Teil zu dem von Jahr zu Jahr steigenden Welthandel bei. Kapitalhilfen kehren als Auslandsaufträge in die Industrieländer zurück. Exportgarantien und Investitionserleichterungen sind auch für die eigene Wirtschaft willkommene Hilfen. Es geht um die Märkte von morgen.

Bittere Erfahrungen sind keinem Industrieland erspart geblieben. Als die Bundesrepublik nach dem Wiederaufbau vor ungefähr sechs Jahren in größerem Umfange Entwicklungshilfe leisten konnte, hatten die anderen Länder ihre ersten Erfahrungen längst hinter sich. Dennoch, der Beitrag, den die Bundesrepublik für die jungen Staaten geleistet hat, kann sich sehen lassen.

Westdeutschland gab bis Ende vergangenen Jahres 25,9 Milliarden Mark. Das ist weit mehr, als der gesamte Ostblock einschließlich Rotchina aufbrachte. Nur zwei Prozent der seit 1950 geleisteten 320 Milliarden Mark Entwicklungshilfe zahlte der Ostblock, die Bundesrepublik ist mit acht Prozent beteiligt; 89 Länder erhielten Westdeutschlands Hilfe, davon 63 auch Kapitalhilfen.

Haben sich nun die gewaltigen Anstrengungen für die Entwicklungshilfe für uns gelohnt? Ganz ohne Frage! Die wirtschaftlichen Beziehungen sind zu vielen Ländern gefestigt und ausgebaut worden. Wirtschaftliche Verflechtungen sind heute aber ein wichtiger Bestandteil der Außenpolitik. Dennoch hat es Bonn vermieden, an die Gewährung solcher Hilfen politische Bedingungen zu knüpfen; bis auf eine, die uns täglich teurer zu stehen kommt, wenn auch gerade die jungen Staaten unserem Wunsch nach Selbstbestimmung von vornherein viel Sympathien entgegenbringen.