Von Helen von Ssachno

Man sah ihn noch am Abend des 23. Februar in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste beim Vortrag von Holthusen über „Günter Grass als politischer Dichter“; später stand er, wie immer von einer Schar von Zuhörern umlagert, die lächelnd seine kritisch wohlwollenden Aperçus zur Kenntnis nahmen, im summenden Gebrodel der Abschiednehmenden, ihnen verbunden durch geselliges Temperament und Bonhomie, von ihnen getrennt durch die Einsamkeit des Alters, die sein mächtig zerklüftetes Gesicht unter dem schlohweißen Haarkranz ins Majestätische verklärte; einige Stunden später war er tot.

Man wird seiner gedenken als eines Romanciers, Publizisten, Religions- und Geschichtsphilosophen, der noch einmal die orthodoxe Geisteskultur des vorrevolutionären Rußland darbrachte. Seine Vielseitigkeit trug ihm den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit und Systemlosigkeit ein; sie verschaffte ihm aber auch die unverwechselbare Ausstrahlung einer Persönlichkeit, die ihr Auditorium immer dann am besten herrschte, wenn sie ihre Gedanken gleichsam plaudernd vortrug – wobei es gleichgültig war, ob der aphoristisch durchsetzte Monolog im Schwabinger Arbeitszimmer oder vom Katheder der Münchener Universität gehalten wurde, an der Stepun seit 1947 den eigens für ihn geschaffenen und mit seiner Emeritierung erloschenen Lehrstuhl für russische Geistesgeschichte innehatte,

Fedor Stepun wurde am 19. Februar 1884 in Moskau geboren. Er studierte wie Pasternak Philosophie in Deutschland, nahm dann als Artillerieoffizier am Ersten Weltkrieg teil, um 1917 als Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrats und später als Leiter der politischen Verwaltung im Kriegsministerium der später von Lenin gestürzten Kerenskij-Regierung politisch aktiv zu werden; ihr Versagen wollte er als endgültiges Scheitern des westlichen demokratischen Gedankens auf russischem Boden verstanden wissen. 1922 wurde Stepun, nachdem er sich eine Zeitlang als Schauspieler und Dramaturg in Moskau betätigt hatte, als unerwünschtes Element des Landes verwiesen. In Deutschland, wo er sich niederließ, übernahm er 1926 eine Professur für Soziologie in Dresden, bis ihn die Nationalsozialisten des Amtes enthoben; auch veröffentlichen durfte er nichts mehr.

So ist denn das schriftstellerische Werk Stepuns mit Ausnahme des bereits 1928 erschienenen Briefromans „Die Liebe des Nikolai Pereslegin“ im wesentlichen erst im Nachkriegsdeutschland bekannt geworden: neben zahlreichen publizistischen Beiträgen und dem für sich stehenden Werk „Theater und Film“ vor allem die in den Jahren 1947 bis 1950 bei Kösel erschienene monumentale dreibändige Selbstbiographie „Vergangenes und Unvergängliches“, die 1961 in der Reihe der Bücher der Neunzehn auf einen einzigen, voluminösen Band gekürzt wurde; so die grundlegende Auseinandersetzung mit dem bolschewistischen Phänomen „Der Bolschewismus und die christliche Existenz“ aus dem Jahre 1959; so schließlich das letzte, der Bewegung des russischen Symbolismus gewidmete Werk „Mystische Weltschau“ aus dem Jahre 1964.

Man hat Stepun oft den Vorwurf gemacht, daß er den Bolschewismus dämonisiere, und tatsächlich ist Stepuns Einstellung gegenüber der russischen Revolution die eines christlichen Mystikers, der im Bolschewismus eine säkularisierte Heilslehre erblickt, die mit dem Phänomen des europäischen Marxismus bis auf eine falsch verstandene Terminologie nicht das geringste gemein, hat. Für Stepun waren der Sowjetstaat und die bolschewistische Partei eine „Pseudokirche“, das bolschewistische Programm eine Heilslehre, deren sakrosankter Wahrheitsanspruch sich jeder Demokratisierung verschloß. Das Vorbild für die sowjetische Ideokratie lieferten ihm denn auch nicht Hegel, Marx oder Engels, sondern die ins Atheistische umgeschlagene Theokratie Iwan des Schrecklichen mit ihrem hierarchisch erstarrten Verwaltungsapparat. So sah Stepun am Ende der kommunistischen Ära kein parlamentarisch aufgelockertes System, sondern eine völlig neuartige, dem russischen Wesen angepaßte Staatsform, deren Erschaffung das Gemeinschaftswerk aller Gebildeten sein sollte.

Man mag mit dieser Auffassung streiten, dennoch ist sie nicht nur für den Emigranten Stepun, sondern auch für jene Sowjetschriftsteller bezeichnend, die wie Stepun den Ausbruch der Revolution auf der Umbruchsschwelle zwischen dem neunzehnten und dem zwanzigsten Jahrhundert erlebt und sich bis heute nicht von den mystischen Schauern des Ereignisses befreit haben: Pasternak, der wie Stepun den welkenden Mythen des Kommunismus die versunkene Welt der alten russischen orthodoxen Geisteskultur entgegenzusetzen suchte, Leonow und Fedin, die noch immer ihr „Winterpalais“ erstürmen und den Anbruch der neuen Zeitrechnung in mystisch überhöhten und daher bereits steril gewordenen Monumentalepen ausschöpfen. Bei ihnen ist der Kommunismus noch immer ein Problem der Bekehrung, eine Vision, der man sich stellen, zu der man sich durchringen muß, an der man zugrunde gehen oder über sich selbst hinauswachsen kann.