Von Erich Kästner

5. März 1945 – Die deutsche Wehrmacht zieht den Jahrgang 1929, die Sechzehnjährigen, ein.

Berlin, 5. März 1945

Sondervorstellung im Rundfunk: Gauleiter Hanke sprach aus der „Festung Breslau“ zum deutschen Volk. Was wir ehedem für unerläßliche Kulturgüter gehalten hätten, meinte er, stelle sich jetzt, bei näherem Hinsehen, als durchaus entbehrliches Zivilisationsgut heraus. Auch sonst scheint er in der letzten Zeit mancherlei gelesen zu haben. Er zitierte sogar den alten Jakob Böhme aus Görlitz: „Wer nicht stirbet, bevor er stirbet, der verdirbet, wenn er stirbet.“ Früher einmal, in brauner Vorzeit, als Hanke Kultur noch für unerläßlich hielt, ohrfeigte er in Babelsberg, Frau Magda Goebbels zu Ehren, den Dr. Greven von der Ufa, und nun, da ihm Kultur nichts mehr gilt, rezitiert er deutsche Mystik und predigt aus einer Festung, die keine ist, das Memento mori! Woher hat er die Weisheit? Von dem Bürgermeister, den er vorm Breslauer Rathaus aufhängen ließ? Von diesem Feigling, der erklärt hatte, eine umzingelte Großstadt werde nicht einfach zur Festung, indem man sie als solche bezeichne? Hoffentlich hat das deutsche Volk die Predigt verstanden. „Das Leben ist der Güter höchstes nicht?“ Ganz wie Sie wünschen, Herr von Schiller! Es gehört vielmehr zu den entbehrlichen Zivilisationsgütern? Zu Befehl, Herr Hanke!

Nicht alle Volksgenossen sind Herrn Hankes Meinung. Eine Schauspielerin, deren Vater General ist, wurde, samt Geschirr und Wäsche, von einem vermutlich dienstfreien Obersten im Dienstwagen aus Berlin nach Süddeutschland verlagert. Ein Minister aus dem Protektorat Böhmen und Mähren, der in ähnlicher Absicht unterwegs war, wurde von einem Tiefflieger getötet. Und der Komponist M. hat sich, mit Erlaubnis des Propagandaministers, ins Schwedische begeben, unter Zarah Leanders respektable Fittiche. In Stockholm soll er den Journalisten erklärt haben, er gedenke in Schweden zu bleiben, da er im Volkssturm nicht gegen seine österreichischen Kameraden von der Freiheitsbewegung kämpfen wolle.

Wie es damals war, schrieb Erich Kästner in sein Tagebuch, das im Atrium Verlag, Zürich, erschien: ein Dokument von höchst aktuellem Wert, weil, da ungefärbt geschildert wird, was auch heute noch nicht ausgestanden ist.