Am 10. März wird der Bundestag darüber entscheiden, ob die NS-Morde verjähren sollen. Die juristischen und politischen Argumente für oder gegen Verjährung sind bekannt. Dagegen ist die zeitgeschichtliche Forschung, die sich um die Aufklärung der NS-Verbrechen bemüht, bisher kaum zu Wort gekommen. Wie steht es mit dem Quellenmaterial, wieviel ist wirklich aufgeklärt? Der Historiker und Gutachter in NS-Prozessen, Hanns von Krannhals, versucht auf diese Fragen eine Antwort zu geben.

Die Erforschung des deutschen Anteils an der Geschichte des Zweiten Weltkrieges ist schon, was die Quellen anlangt, ein schwieriges Unterfangen. Für den Historiker bedeuten Zeugen viel; aber Akten mehr, wenn auch nicht alles. Ein Teil der für die Forschung wichtigen Unterlagen ist mit Bestimmtheit verlorengegangen. Aber ebenso wie 1945 das Prinzip der verbrannten Erde nicht konsequent in die Tat umgesetzt wurde, so wurde auch die Forderung, die Akten zu verbrennen, keineswegs immer befolgt. Es ist viel mehr, als man ahnt, vergraben, versenkt, vermauert oder einfach zu Hause in den Schrank gestopft worden.

Vor allem aber sorgte die systematische Beschlagnahme von Akten durch alliierte und nichtalliierte Armeen, Behörden und Organisationen zu einer explosionsartigen Zerstreuung der deutschen Bestände über Europa und später auch nach Amerika. Die im Vergleich mit den heutigen Beständen bescheidene Sammlung, die in aller Eile zur Vorbereitung des Nürnberger Kriegsverbrecherverfahrens angehäuft wurde, enthielt längst nicht alles. Die mitunter von Beschuldigten vorgebrachte Behauptung, wenn sie schuldig seien, hätte das doch in Nürnberg offenbar werden müssen, stellt die Dinge auf den Kopf. Die Ankläger von Nürnberg „plätscherten“ in ihrer Dokumentation, das geben sie heute in Gesprächen unumwunden zu; ertrunken sind sie darin nicht. Das widerfuhr erst der zeitgeschichtlichen Forschung in der Bundesrepublik. Seit einigen Jahren wird sie von einer steigenden Dokumentenflut überschwemmt.

Die Masse des deutschen Aktenmaterials wanderte einschließlich der umfangreichen Prozeß-Beiakten nach Abschluß des Nürnberger Verfahrens in die USA. Das Material wurde damit der deutschen Forschung bis 1959 entzogen. Teile davon sind auch jetzt noch unzugänglich. Zwar wurden mehr und mehr Dokumente in Mikrofilmen zugänglich gemacht; aber der ganze Aktenbestand ist noch keineswegs erfaßt.

Benutzbar, wenn auch noch immer nicht vollständig zurückgegeben sind Bestände in London, Paris, Österreich, den Niederlanden und den skandinavischen Ländern. Dazu sind noch kleinere Aktengruppen zu rechnen, die zwar nicht „deutsch“, aber für die deutsche Forschung von Bedeutung sind. Da ist zum Beispiel, wie die jüdische Zeitung „Unzer Shtime“ in Paris (13. Januar 1965) berichtete, das inhaltsreiche Tagebuch des Judenratsobmanns vom Getto Warschau, Czerniaków‚ aufgefunden worden. Es nennt Hunderte von Namen, schildert Dutzende von Vorgängen und wird gegenwärtig vom Yad-Washem-Institut in Jerusalem zur Herausgabe vorbereitet. Sicherlich wird es die Erkenntnisse der Zeitgeschichtsforschung erheblich beeinflussen.

Die große Masse der deutschen Akten in osteuropäischen Ländern ist unüberschaubar, mitunter auch für die dortigen Archivbeamten. Sie umfaßt Bestände:

1. die vorher aus Luftschutzgründen verlagert waren. Dazu gehören unter anderen die Gerichtsakten zahlreicher deutscher Städte in Ostdeutschland und dieBestände großer Archive wie Danzig;