Von Heinz Bergner

Die Mitglieder der Industriegewerkschaft Bau, Steine, Erden sehen freudig bewegt dem Sommerurlaub entgegen: sie können ihn für wenig Geld auf einem Schloß bei St. Tropez, an der teuersten Stelle der französischen Riviera, verbringen. Die IG Bau hat unter ihrem rührigen Vorsitzenden (und Bundestagsabgeordneten der SPD) Georg Leber nicht nur viel beachtete Vorschlage zur Vermögensbildung für Arbeitnehmer gemacht; sie bietet den Bauarbeitern auch sehr respektable „bürgerliche“ Ferienreisen.

Die: Gemeinnützige Urlaubskasse für die Bauwirtschaft“, von dieser Gewerkschaft mit einem Grundkapital von 45 Millionen Mark gegründet, zählt jetzt 50 Millionen Mark. Das Schloß in St. Tropez wird zum Ferienheim umgebaut; in Freudenstadt im Schwarzwald und an anderen Plätzen gibt es schon Ferienheime, im Allgäu, in Holstein und im Harz wurden Grundstücke erworben. Außerdem hat die Bauarbeiter-Urlaubskasse für 1965 Verträge mit Heimen in dreizehn Urlaubsorten abgeschlossen, so im Weserbergland, im Taunus, im Spessart, in Oberbayern, an der Nordsee, ebenso in Holstein und im Harz. Ein Ehepaar bezahlt an diesen Orten (In- und Ausland) für Vollpension ganze 8,50 Mark. Den „Rest“ der Ferienheim-Tageskosten von etwa 24 Mark übernimmt die Urlaubskasse, aus der auch ein Teil der Fahrtauslagen bestritten wird.

Mit den gewerkschaftlichen „Urlaubskassen“, die es nicht nur für Georg Lebers Mannschaft gibt, ist dem Fremdenverkehrsgewerbe eine beachtenswerte Konkurrenz erwachsen. Auf ähnliche Weise machen auch die „Sozialwerke“ der Bundesministerien den Reisebüros viele Tausende von Kunden abspenstig. Das Bundeswehr-Sozialwerk e. V. zum Beispiel ist besonders aktiv und attraktiv. Der Verein, mit Sitz im Bundesverteidigungsministerium in Bonn, hat weit über 40 000 Mitglieder; davon sind etwa die Hälfte Soldaten und Offiziere. In einem 130-Betten-Bau in Davos (mit Winter- und Sommersaison), in Norderney und Grömitz, im Schwarzwald und in den bayrischen Alpen bietet das Bundeswehr-Sozialwerk Pensionspreise, die bis zu 50... Prozent unter den ortsüblichen Taxen liegen: zehn bis vierzehn Mark je Tag. Nicht nur Soldaten, Beamte des Verteidigungsministeriums und der Wehrverwaltungen sowie Militärattaches können von diesem sozialen Werk profitieren, sondern auch die Angehörigen des Bundespräsidialamtes in Bonn. Vor die Wahl gestellt, sich den Reise-Sozialwerken der Ministerien für Inneres, Finanzen, Verkehr oder Verteidigung anzuschließen, entschieden sich die Bediensteten Heinrich Lübkes (der ebenfalls an den Vergünstigungen teilhaben könnte) für das Sozialwerk der Bundeswehr.

Die Sozialwerke der Bundesverwaltung können so günstig arbeiten, weil sie aus dem Staatshaushalt (Einzelplan „Allgemeine Finanzverwaltung“) beträchtliche Zuschüsse erhalten: jährlich 1,3 Millionen Mark. Je Mitglied eines Sozialwerkes spendiert der Bund zwölf Mark aus Steuergeldern. Allerdings gehören auch Kinderverschickung und Müttererholung zu den Aufgaben der sozialen Vereine der Ministerien.

Die Konkurrenz, die dem Fremdenverkehrsgewerbe durch staatlich unterstützte Sozialwerke entstehen kann, ist freilich noch gering im Vergleich zu den Auswirkungen, die die Katalog-Reisen der Versandhäuser im Gefolge haben. Neckermann, der noch preisgünstigere Ferien als die Firmen der Reisebranche möglich machen will, hat wie kein Außenseiter oder „Branchenkirrierist“ die großen Reiseunternehmen in Aufregung versetzt. Die Reaktionen sind unterschiedlich – einige Firmen verbilligen unter dem Druck der Neckermann-Preise ihre Angebote, wieder andere versuchen, sich einen festen Interessenten- und Teilnehmerkreis zu sichern, indem’ sie sich an bestimmte Zeitschriften, die Reisen für ihre Leserschaft ausschreiben, anlehnen. Die Symbiose zwischen einigen Zeitschriften und Reiseunternehmen ist freilich zwielichtig – denn hier werden die Grenzen zwischen geschäftlichem Angebot, Werbung und Berichterstattung erheblich verwischt. Mitunter ist da kaum noch zu erkennen, wer nun eigentlich der verantwortliche Veranstalter ist – das Blatt oder das Reiseunternehmen.

Diese Verbindung einiger Reiseunternehmen mit Zeitschriften (unter Ausschaltung der Reisebüros) und der Vorstoß der Versandhäuser beschäftigen denn auch die Spitzenorganisationen des riesigen. Gewerbes; sie geben sich indessen überraschend liberal und großzügig. Hauptgeschäftsführer Friedrich H. Burger vom Deutschen Reisebüro-Verband in Frankfurt am Main räumt allerdings ein: „Man kann die Frage bejahen, ob den Reisebüros durch diese neuen Angebote Verluste entstanden sind.“ Doch sei dies nicht ungewöhnlich; denn immer dann, wenn ein neuer Konkurrent auf dem Markt erscheine – ob newcomer oder nicht –, entstehe ein stärkerer Wettbewerb, der das Kundenpotential der bestehenden Unternehmen verringere. „Wir sind aber“, so versichert Burger, „sehr beweglich, denn der Bedarf an Urlaubsreisen hat ja von Jahr zu Jahr zugenommen, das Bedürfnis beim Konsumenten ist gewachsen. Kein Wunder, daß sich immer mehr ‚Gewerbetreibende‘ um dieses Metier bemühen.“