Die Vereinigten Staaten haben am Monatswechsel unmißverständlich ihren Willen bekundet, den Krieg in Vietnam härter denn je zu führen, solange China, Nordvietnam und die Vietcong weder zu einem Waffenstillstand noch zu ehrenvollen Verhandlungen bereit sind:

  • Amerikanische Düsenjäger, Düsenbomber und Hubschrauber greifen jetzt unmittelbar in die Kämpfe ein.
  • 150 südvietnamesische und US-Flugzeuge zerstörten ein Munitionsdepot und einen Kriegshafen in Nordvietnam.
  • VerteidigungsministerMcNamarakündigte die Entsendung von 800 neuen US-Ausbildern an, damit Südvietnam nochmals 100 000 Mann einberufen kann.

Als Rechtsgrundlage für diese offene Intervention im südvietnamesischen Bürgerkrieg, die nur mit dem Eingreifen in Korea im Jahre 1950 vergleichbar ist, legten die USA bei den Vereinten Nationen ein Weißbuch vor, das Nordvietnam der Aggression gegen Südvietnam beschuldigt. Hauptbeweisstück war ein Waffenlager, das nach der Versenkung eines als schwimmende Insel getarnten Vietcong-Schiffes entdeckt wurde. Das Schiff, ein in der DDR gebauter Küstenfrachter, hatte hundert Tonnen Ausrüstung für 3000 Guerillas abgesetzt: Maschinengewehre und Karabiner aus der Sowjetunion und China, Mauser-Gewehre aus der DDR, tschechische Maschinenpistolen, Panzerfäuste, Plastikbomben, eine Million Schuß Munition und Medikamente aus dem Ostblock.

.Entgegen der bisherigen Version, daß die Vietcong aus dem Lande leben und ihre Waffen erbeuten, wird in dem Weißbuch behauptet, der größte Teil ihrer Waffen, Munition und Versorgungsgüter stamme aus Nordvietnam.

Seit 1959 sind, laut Weißbuch, etwa 20 000 Vietcong (Soldaten und Agenten) nach Südvietnam eingeschleust worden, allerdings in den letzten beiden Jahren erheblich weniger als 1962. Während sich in den ersten Jahren des Bürgerkrieges diese Einheiten aus den 90 000 Mann Vietminh-Truppen rekrutierten, die 1954 nach dem Genfer Indociina-Abkommen aus Südvietnam abgezogen wurden, sollen neuerdings viele Vetcong-Soldaten gebürtige Nordvietnamesen sein. Die Stärke der Vietcong wird von den Amerikanern mit 35 000 Regulären und 60 000 bis 80 000 Milizsoldaten angegeben; sie sind organisiert in 50 Bataillonen und 139 Kompanien.

In der vorigen Woche gelang es den Vietcong nach schweren Kämpfen, Südvietnam durch einen schmalen Streifen eroberten Gebietes in zwei Hälften zu teilen (siehe Karte). Die Amerikaner wollen offensichtlich diese schlechte militärische Position Südvietnams verbessern, ehe sie sich auf Verhandlungen einlassen. Weder das gemeinsame Auftreten der Sowjetunion und Frankreichs noch die Vorstellungen UN-Generalsekretär U Thants oder das sowjetische Wechselbad von Säbelrasseln und Friedensbeteuerungen hat die USA hindern können, ihren Einsatz in Vietnam zu erhöhen.