R. B., Leipzig, im März

Der sowjetische Ministerpräsident Kossygin plant keine Reise in die Bundesrepublik. Diese Erklärung hat er in Leipzig abgegeben, nicht ohne Nachhilfe der Journalisten.

Auf einem Empfang im neuen Rathaus versicherte der sowjetische Regierungschef zwar, die Sowjetunion sei weit davon entfernt, die Bundesrepublik als einen „geschmähten Staat“ anzusehen; er sparte freilich auch nicht mir harter Kritik: Die Bundesregierung bemühe sich, in den Besitz von Kernwaffen zu gelangen und weigere sich, die Verjährungsfrist für Verbrechen im Dritten Reich aufzuheben. Bonn solle seine Beziehungen zu den sozialistischen Staaten normalisieren. Offenbar ist Kossygin im Augenblick nichts daran gelegen, die Atmosphäre für einen Besuch in der Bundesrepublik aufzulockern. Er hält, so bemerkte einer der anwesenden Diplomaten, eine solche Reise vor den Wahlen in der Bundesrepublik für wenig sinnvoll.

Auch andere Reisemöglichkeiten wurden erörtert. Kossygin sagte, daß er Paris gleichfalls nicht zu besuchen gedenke, eine Einladung an de Gaulle zu einem Besuch in Moskau stünde dagegen immer noch offen. Nach London fahre sein Außenminister, und aus den Londoner Gesprächen könnte sich ja vielleicht manches ergeben. Im übrigen aber – und dies war eine Spitze gegen seinen Vorgänger im Amt – gelte im Kreml jetzt der Grundsatz: „Wir sind gegen Touristenreisen; wir reisen nur, wenn es einen Sinn hat.“