W. M., Mannheim

Wenn Ludwig Kost lächelt, verzieht sich sein Gesicht, als habe er einen sauren Bonbon im Mund. Und Ludwig Kost lächelte viel in der letzten Zeit, schwankend zwischen Erstaunen und Verlegenheit über das Echo eines Unternehmens, das er jedem, der es hören wollte, als „meine eigene Initiative“ ausgab. Mit der Verstocktheit eines trotzigen Kindes klammerte er sich an diese Behauptung, selbst dann noch, als ihm während der Pressekonferenz zum Abschluß der „Begegnung von Arbeitern aus ganz Deutschland“ im närrisch dekorierten Saal des Mannheimer „Eichbaum-Stammhauses“ journalistische Neugier und Fernsehlampen den Schweiß auf die Stirn trieben.

Für ihn, den 67jährigen Stadtassistenten a. D. und vormaligen KP-Genossen, waren es ehrlich verdiente Schweißtropfen für ein erfolgreich durchgestandenes Unternehmen, dessen politische Exklusivität die lokalen Verfassungsschützer in ungewohnte Aktivität versetzt hatte: Zum ersten Mile seit dem Abbruch der Interzonenkonferenzei im Jahre 1948 trafen sich Arbeiterfunktionäre von diesseits und jenseits der Elbe auf westdeutschem Boden, um über Probleme „von gemeinsamem Interesse“ zu diskutieren. Bisher von wachsamen Grenzhütern mit stereotyper Beharrlichkeit am Passieren des Eisernen Vorhangs gehindert, durften jetzt völlig überraschend 45 Funktionäre des „Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes“ und der SED, darunter der Volkskammerabgeodnete Günter Prillwitz, westwärts reisen. Bonn zeigte sich ungewohnt großmütig: „Solange auf solchen Veranstaltungen keine Parolen wider die freiheitliche Rechtsordnung unseres Staates ausgegeben werden, gibt es für die Ordnungshüter keinen Grund, einzugreifen“, verlautete ein Sprecher der Regierung.

Mannheims Ordnungshüter scheinen diese Rechtsordnung für ziemlich robust zu halten, denn immerhin konnte der FDGB-Funktionär und Chefredakteur der in Ostberlin gedruckten, jedoch ausschließlich illegal in Westdeutschland vertriebenen Zeitschrift „Gewerkschaftseinheit“, Adolf Deter, auf dem Mannheimer Treffen unbeanstandet fordern: So wie in der DDR müßten auch die Arbeiter in der Bundesrepublik die Macht im Staate übernehmen.

Die übrigen „Begegnungs“-Teilnehmer – rund 250 waren Westdeutsche – ließen an der Bundesrepublik ebenfalls kein gutes Haar. Beliebtestes Angriffsziel war neben Notstandsgesetzen, Strauß, Trettner und brauner bundesdeutscher Vergangenheit der – bisher jedenfalls – nur fiktiv vorhandene Atomminengürtel längs der Zonengrenze. Über die DDR aber fiel kaum ein Wort. Kam dennoch einmal die Rede darauf, dann glaubte man dem Vertreter eines Reisebüros zu lauschen, das als Schlager seines Katalogs Pauschalfahrten ins Paradies anpreist.

So werteten die „Initiatoren der Mannheimer Begegnung von Arbeitnehmern aus ganz Deutschland die Veranstaltung als großen Erfolg ihrer Bemühungen“ und gaben „der Hoffnung Ausdruck, daß sie der Auftakt für viele Begegnungen der deutschen Arbeitnehmer wird“. Ludwig Kost konnte zufrieden sein. Trotz Haussuchung und Anfeindung der örtlichen Presse war ihm nicht nachzuweisen gewesen, daß seine „eigene Initiative“ allein dem Ziel gegolten hatte, ein bundesdeutsches Pendant zu der vom FDGB veranstalteten „Ständigen deutschen Arbeiterkonferenz“ aus der Taufe zu heben. Das jedenfalls hatte der DGB-Bundesvorstand in einer Warnung an seine Mitglieder behauptet, in der er das Mannheimer Treffen als eine „offensichtlich kommunistische Agitation“ bezeichnete.