Ich mußte mich erst daran gewöhnen. Zwar ahnte ich, daß mein Umzug an den Rand Hamburgs aufs Land mit dem klingenden Namen Kreis Herzogtum Lauenburg ein neues „Lebens- oder Wohngefühl“ in sich schloß. Mir schwante auch, daß die Einsamkeit ländlichen Lebens verlangt, sich mit der Natur auseinanderzusetzen: Schnee schaufeln, hungernde Spatzen füttern, an die Gartenbestellung im Frühjahr denken.

Ich stellte die Ruhe, die Landluft, den nahen Sachsenwald über die Bequemlichkeiten städtischen Lebens und wußte gar nicht, daß dies alles nichts gegen die „Dienstleistungen“ ist, die einem auf dem Land geboten werden. Dienstleistung, so lautet wohl der terminus technicus für das, was beispielsweise eine Putzfrau leistet. In der Stadt heißt sie Raumpflegerin und macht es für drei Mark pro Stunde, inklusive Frühstück, versteht sich. Hier draußen heißt sie schlicht Putzfrau und macht es noch für zwei Mark fünfzig, ohne Frühstück. Auch ein Gärtner-Pensionär ist willig, putzt die Fenster und besorgt Kaminholz.

Die Überraschung aber ist Herr Schmidt. Herr Schmidt besitzt den Kolonialwarenladen. Nicht genug, daß er einem alle Getränke besorgt, auch solche, die nur in der großen Welt geführt werden, und daß er zwei Zitronen mitliefert, obwohl er eigentlich kein Obstgeschäft hat. Herr Schmidt pocht auch nicht auf Ladenschlußzeiten. Man braucht nur anzurufen, ganz gleich wann, bevor er seinen Laden geöffnet hat oder kurz vor Mitternacht, er notiert die Wünsche, auch nur die vage ausgedrückten: „Wir sind zehn Personen, was meinen Sie?“ Herr Schmidt schlägt vor und liefert. Auch am Sonntag. Weihnachten kam nicht ein Klagelaut über seine Lippen, als er am ersten und zweiten Feiertag unterwegs war und vergeßliche Hausfrauen mit Majoran für die Weihnachtsgans versorgte.

Wenn ich da an die Samstagvormittage denke in der überfüllten Lebensmittelabteilung des Kaufhauses in der Innenstadt! Da drängelte man sich von Regal zu Regal, packte seinen Drahtkorb voll, glaubte, alles besorgt zu haben und fand sich am Sonntag auf dem Hauptbahnhof wieder, reihte sich in den Strom der Reisenden am Kiosk ein und versorgte sich mit Reiseproviant: „Ein halbes Pfund Butter, bitte!“

Herr Schmidt auf dem Land hat einem alle Sorgen abgenommen, und er scheint der beste Beweis für die Richtigkeit der Ergebnisse einer Befragung, die das Institut für Absatzforschung in Wiesbaden jetzt vorlegte. „Was tut der Bundesbürger, wenn er aus Zeitmangel oder Vergeßlichkeit versäumt hat, etwas Notwendiges, wie beispielsweise Kaffee, Brot oder Getränke vor Ladenschluß einzukaufen 33 Prozent gehen zum Nachbarn und leihen sich das Fehlende. 30 Prozent kaufen hintenherum beim Kaufmann, 18 Prozent aus Automaten. In ländlichen Ortschaften aber (wozu offensichtlich mein kleines Nest im Herzogtum Lauenburg gehört), scheren sich fast die Hälfte aller Vergeßlichen nicht um offizielle Ladenschlußzeiten und klingeln ihren Kaufmann auch sonntags aus den Federn. Je kleiner der Ort, um so größer ist ihre Zahl.

Ja, ich lobe mir das Landleben, auch wenn es mir erst peinlich war und ich wegen eines halben Pfundes Zucker Herrn Schmidt nicht in seiner Ruhe stören wollte. Jetzt nehme ich es schon als ganz selbstverständlich und trauere nur meiner vornehmen Stadtwäscherei nach. Jene hier draußen hat für individuelle Wünsche nichts übrig. Jeder trägt Hemden, gestärkt wie Bretter, gepreßt und mit zerdrückten Knöpfen. Auch der Zugereiste hat sich diesem Usus zu fügen. So ist das auf dem Lande ... HvK