In Mainz wurde zum elften Mal gelacht und gesungen; das Erste Deutsche Fernsehen hatte sich in die Höhle des anderen Löwen gewagt; Professor Holzamer, im kurfürstlichen Schloß mit von der Partie, lächelte freundlich in die Linse des Konkurrenzunternehmens.

Die Straßen waren leer wie zu Durbridgens Stunden; ein Herr namens Wucher, Präsident des ruhmreichen Karnevalklubs, begrüßte die Brüder und Schwestern jenseits der Grenze mit einem herzbewegenden Triple-Helau, das Humba-humba passierte die Mauer, und Mainzens berühmteste Tochter, Netty Reiling, weitesten Kreisen als Anna Seghers bekannt, wird sich ihre Gedanken gemacht haben.

Ich aber schaltete ab, verzichtete auf Nixen, Narrhallamärsche und winkende Damen; Kolliers und Bäuche, weinselige Schunkler und bierernste Kellner hielten mich nicht; mir entgingen, von zwei bewährten Aktiven interpretiert, die Gespräche der beiden Putzfrauen vom Rhein, mir entging der Zweikampf zwischen dem großen Ernst Neger und dem von ihm gesungenen Schlager, dem Zauberlehrling Humba-humba, der sich nicht abschütteln ließ und die Minutenstrategie der Fernseh-Programmierer bedrohte.

Statt dessen verschaffte mir ein winziger Knopfdruck Einlaß in die Hallen jener Elite von Televisions-Rotariern, die an diesem Abend, odi profanum vulgus et arceo, Anouilhs Medea und Hans Hermanns Fehling-Bild betrachteten, Sendungen also, die die mainzlosen Mainzer um die gleiche Zeit zelebrierten, da im Schloß die Berufsfröhlichkeit, durch dreistes Improvisieren vom Publikum aus, in ernster Gefahr war. (So jedenfalls entnahm ich es, beim Abwasch am anderen Morgen, dem Enthusiasmus unserer Raumpflegerin.)

Nun, wer sich durch die MCV- und MCC-Verlockung nicht beirren ließ, sondern, Holzamer am Schreibtisch und nicht Holzamer im Festsaal die Treue bewahrend, ein Zeugnis stoischer ataraxia ablegte und im Geist schwelgte wie die andern im Sekt, brauchte es nicht zu bereuen: Anouilhs lyrische Rhetorik klang so elegant und melancholisch wie je; die Grundtypen kamen vortrefflich heraus: Medea, der am Begreifen, am Kosten des Kleinglücks nicht liegt; Jason und Kreon, die ihren Frieden gemacht haben und, weil’s nun einmal weitergehen muß, im Kompromiß jenes eigentliche humanum erblickten, das die autistischen Idealisten immer wieder bedrohen; schließlich die Amme, von der Regie ein wenig zu dämonisch angelegt, eine Schwester des Wachmanns aus der Antigone: er denkt an die Beförderung, sie denkt an Schnaps, an eine heiße Suppe und die warme Sonne auf dem Fleisch.

Herta Kravina und Goslar, Medea und Jason, gaben der großen Debatte die Plastizität der faktenreichen Legende: Diskussions-Stationen als Markierungen einer Passion. Wäre nicht der Schluß so melodramatisch geraten, hätte die Regie nicht, durch ein Photo aus dem Familienalbum, Medea mit ihren Kleinen, Anouilhs Zurückbleiben hinter der euripideischen Schlußszenerie noch unterstrichen: man hätte über dem anderen Mainz das erste tatsächlich vergessen.

Momos