Von Ernst Wilhelm Meyer

Wilhelm Wolf gang Schütz: Unteilbare Freiheit – Nehrus Politik der Selbstbestimmung; Verlag Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen; 75 S., 4,40 DM

Wenige Staatsmänner unterlagen in Deutschland größeren Fehlurteilen als der vor kurzem verstorbene indische Staatsmann Jawaharlal Nehru. Selbst eine so nahezu selbstverständliche Aktion wie diejenige, die er gegen den Maharadscha von Haiderabad im Interesse der Herstellung der Einheit des indischen Staatswesens unternahm, fand bei uns Kritiker in erheblicher Zahl, die ihm, weil er zu den Waffen gegriffen hatte, Verrat an eigenen Grundsätzen wie an solchen Mahatma Gandhis vorwarfen. Freilich konnten sich diese Kritiker auch auf Winston Churchill berufen, der, wie Schütz erwähnt, damals sogar dafür plädierte, dem Maharadscha notfalls britische Waffenhilfe zu gewähren.

Es ist daher sehr zu begrüßen, daß Wilhelm Wolfgang Schütz, der verdienstvolle Geschäftsführer des Kuratoriums Unteilbares Deutschland, ein unbeirrbarer Kämpfer für das Recht der Selbstbestimmung, dazu ein Mann, der Nehru auch persönlich kannte wie wenige andere Deutsche, es unternommen hat, Nehru und seine Politik zu analysieren. Dies ist von beträchtlichem Gegenwartswert gerade auch für die deutsche Außenpolitik, weil bei vielen Deutschen noch immer nicht rechte Klarheit auch darüber besteht, wie ungemein einflußreich Indien sowohl gegenüber den Vereinigten Staaten und Großbritannien als auch gegenüber der Sowjetunion und China ist.

Die Kapitel der kurzen Schrift bringen knappe, aber gültige Ausführungen über das indische Volk, über die Stärke der indischen Demokratie, über das Kaschmirproblem – über das wir (zutreffend) erfahren, daß Nehru eine Lösung durch Schaffung eines Kondominiums zwischen Indien und Pakistan erwog – über das Verhältnis Indiens zum Westen, zum Commonwealth, zur Privatwirtschaft und Staatswirtschaft, über den Grundsatz des Gleichgewichts in der Außenpolitik, über Entwicklungshilfe – über deren Handhabung auch in Indien nicht ohne Grund Kritik geübt wird, über die Sowjetunion – in einem Kapitel, das zu den besten gehört – über grundsätzliche Bündnisfreiheit, die nach Nehru nicht mit Neutralismus gleichzusetzen ist, über China und seinen Kommunismus, der auch nach Schütz in vieler Hinsicht freilich in enger Verwandtschaft steht mit dem Nationalismus. Wir hören von dem Verhältnis des großen Gandhi zu seinem Schüler, von dem Charakter aller Freiheitskämpfer, wobei, wie Nehru seinen Enkel belehrt, große Politik häufig mit kleinen Anfängen beginnt.

Einiges, was Schütz schreibt, mag zu beanstanden sein, wie es bei einem so großen Thema unvermeidlich ist. Dies gilt etwa von der allzu flüchtigen Erwähnung der Bedeutung der Pancha Shila. Aber, von solchen und ähnlichen Einzelheiten abgesehen, ist eine ungewöhnlich sorgfältige Darlegung aller Probleme zu verzeichnen. Der Verfasser erwähnt beispielweise, indem er ein bekanntes Wort Nehrus zitiert, das Nehru vor dreißig Jahren, also als er noch nicht Leiter der indischen Politik war, geschrieben hat: „Ich bin zu einer merkwürdigen Mischung des Ostens und Westens geworden, nirgends am richtigen Ort, nirgends zu Hause. Vielleicht sind meine Denkweise und Lebensauffassung dem Abendländischen verwandter als dem örtlichen ...“ Aber Schütz läßt wiederum mit vollem Recht keinen Zweifel daran, daß Nehru dann durch und durch Inder geworden ist oder es immer geblieben war, trotz jener eigenen anderen Analyse, und daß er dementsprechend politisch handelte. Die besondere Liebe Nehrus gehörte immer Großbritannien, und es sollte allmählich klar geworden sein, von welchem ungeheuren Wert Tatsachen wie diejenigen sind, daß heute mehr Engländer in Indien leben als je zuvor, mehr Kapital dort angelegt worden ist als einst und daß die britische Königin mit größerer Begeisterung bei einem Besuch Indiens aufgenommen worden ist, als es früher jemals der Fall gewesen wäre.

Der deutsche Leser erhält ferner die Information, daß Nehru der Ansicht war, beide: Ost und West nähmen im Grunde den heutigen Status quo Deutschlands hin und gefielen sich aus manchen Gründen nur noch in einem Schattenkampf zugunsten der Wiedervereinigung. Nehru hat aber niemals eine Zwei-Staaten-Theorie für Deutschland vertreten. Dies darf der Rezensent aus eigener Kenntnis bestätigen.

Selten wird auf so wenigen Seiten so viel auch an allgemeinerem Material geboten über die Grundlagen von Außenpolitik, über den Genius in der Geschichte, über das grundsätzliche Problem der Entwicklungspolitik, wie in dieser Veröffentlichung. Am Schluß schreibt Schütz, daß Nehru „wie alle großen Patrioten Weltpolitik mit Nationalpolitik und Nationalpolitik mit Weltpolitik immer in unlösbarem Zusammenhang gesehen habe“. Ich glaube, Nehru hat hiermit richtig empfunden für seine Zeit wie für zumindest noch eine lange Zukunft der Geschichte aller Völker.