„Die Hallstein-Doktrin ist eine Leiche, die sich bereits zersetzt“, triumphierte der Außenminister der DDR, Lothar Bolz, als er zusammen mit Walter Ulbricht aus Ägypten zurückkehrte. In der Tat konnten die Machthaber der DDR mit ihrem Prestigeerfolg am Nil zufrieden sein, obwohl ihnen Nasser die De-jure-Anerkennung ausdrücklich versagt hatte.

Der Staatsratsvorsitzende wurde mit fast allen Ehren empfangen, die einem Staatsoberhaupt zustehen (nur die Ehrenkompanie fehlte). Er wurde von ägyptischen, Arbeitern mit einem Jubel begrüßt, wie er ihn in Deutschland noch nicht erlebt hat. Präsident Nasser hat, als erster Staatsmann eines blockfreien Landes, eine Einladung nach Ostberlin angenommen, und er hat die sowjetische These unterstützt, daß die Wiedervereinigung Sache der Deutschen sei.

Zu diesem Entgegenkommen hatte Nasser um so mehr Grund, als ihm Ulbricht als Gastgeschenk einen Zusatzkredit von 88 Millionen Mark mitbrachte (112 Millionen hatte ihm die DDR schon vor einem Monat zugesichert). Damit ist die DDR nach der Sowjetunion der zweitwichtigste Ostblockpartner Ägyptens geworden. Während des Besuches Ulbrichts wurden außerdem zwei Verträge über technische und wissenschaftliche Zusammenarbeit unterzeichnet. Sie werden es Nasser womöglich erlauben, künftig auf die Hilfe westdeutscher Raketenspezialisten zu verzichten. Die DDR hat in dieser Beziehung weniger Hemmungen als Bonn; Ulbricht hat offen die israelfeindliche Politik der Araber unterstützt. Und das alles im Geiste der „traditionellen deutsch-arabischen Freundschaft“!

Die Freundschaft Nassers zum deutschen Volk war freilich in der vorigen Woche recht einseitig verteilt. Das mußten eine Reihe westdeutscher Journalisten erfahren, die am Tage der Ankunft Ulbrichts in Kairo von allen Veranstaltungen ausgesperrt wurden. Sodann wurden mehrere deutsche Industrievertreter unter dem Verdacht verhaftet, zugunsten westlicher Nachrichtendienste spioniert zu haben. Unter den Verhafteten waren Vertreter von Mannesmann und der Quandt-Gruppe.

Regierung und Parteien in Bonn wollen dennoch den diplomatischen Bruch mit Kairo vermeiden, jedoch hat die Bundesregierung, wie angekündigt, ihre Wirtschaftshilfe an Ägypten eingestellt. Für seinen zweiten Fünfjahresplan wird Nasser nicht mehr auf Unterstützung aus Bonn rechnen dürfen. Die laufenden Verträge will Bonn einhalten. Doch nun ist es fraglich geworden, ob Nasser seinerseits sich daran hält. Er hat bereits angedroht, eventuell seine Schulden (fast eine Milliarde Mark) nicht mehr zurückzuzahlen.

Indessen will Nasser, ermuntert durch den Erfolg der Erpressung gegen Bonn, die den Stopp der deutschen Waffenhilfe für Israel herbeiführte, jetzt auch die USA zwingen, die Israelis nicht mehr zu bewaffnen. Den Druck sollen für ihn die erdölreichen arabischen Länder ausüben.