Die sachliche Lohnpolitik hat einen neuen Erfolg zu verzeichnen: die Schlichtung in der Stahlindustrie

Wenn nicht alle Anzeichen trügen, dann wird es nicht mehr zu einem Streik in der Stahlindustrie kommen. Dies ist ein Erfolg der Vernunft, die sowohl Unternehmer als Gewerkschaft in diesem Lohnstreit bewiesen haben. Präziser gesagt: ein Erfolge der Bereitschaft beider Tarifpartner, die Auseinandersetzung nicht durch laute Propaganda und womöglich einen langen Arbeitskampf auf die Spitze zu treiben – sondern von einer Schlichtungskommission einen Kompromiß ausarbeiten zu lassen.

Natürlich wird ein Kompromiß die Beteiligtennie vollauf befriedigen. Die IG Metall mußte zugestehen, daß die bereits vereinbarte .Verkürzung der Arbeitszeit um mindestens ein Jahr bis zum Juli 1966 verschoben wird und – es nur eine Lohnaufbesserung von 7,5 Prozent (statt, der geforderten 10 Prozent) gibt. Die Unternehmer mußten die Verlängerung des Urlaubs bewilligen und sich zur Zahlung eines halben 13. Monatsgehalts verpflichten. Besonders dieses letzte Zugeständnis dürfte den Arbeitgebern nicht leichtfallen, weil hier ein Präzedenzfall geschaffen wird.

Der Vorschlag der Schlichter kommt. die Industrie also nicht billig. Allein die Unternehmen der Eisen- und Stahlindustrie in Nordrhein-Westfalen (in den anderen Bundesländern wird man wohl später gleichziehen) müssen pro Jahr 300 Millionen Mark mehr Lohn bezahlen. Dennoch war es vernünftig, diesen Weg zu gehen. Letztlich kommt es nicht darauf an, ob ein halbes Prozent Lohnerhöhung mehr oder weniger herauskommt. Entscheidend ist, daß eine Lohnvereinbarung nicht als Folge eines rücksichtslosen Machtkampfs zwischen Unternehmern und Gewerkschaften zustande kommt, sondern als Ergebnis eines sachlichen Gesprächs zwischen den Tarifpartner.

Dieses sachlich begründete Ergebnis hat es auf Schloß Hugenpoet in Kettwig gegeben. Unter der Leitung von Professor Helmut Meinhold, dessen Sachverstand und Geschick sich schon früher bei ähnlichen Aufgaben bewährt hatte, konnte in wenigen Tagen ein Vorschlag ausgearbeitet werden, der sich an der wirtschaftlichen Realität orientierte. Entsprechend dem Gutachten der Sachverständigen und den Prognosen der meisten Konjunkturforscher ist in diesem Jahr eine Steigerung der Produktivität um etwa 5 Prozent zu erwarten. Nun ist man sich inzwischen darüber klar geworden, daß sich die Idealforderung, die Löhne sollten nur im Ausmaß der Produktivitätszunahme steigen, nur in einer Wirtschaft mit einem völlig stabilen Preisniveau verwirklichen lassen würde. Wenn man für 1965 einen Anstieg der Lebenshaltungskosten von rund 3 Prozent erwartet, dann muß der Nominallohn um 8 Prozent steigen, damit eine Erhöhung des Reallohns um rund 5 Prozent übrig bleibt. Von solchen Überlegungen ist Professor Meinhold offensichtlich ausgegangen, denn der Schlichtungsvorschlag bringt eine Verbesserung der Leistungen um insgesamt 8,5 Prozent – wobei das halbe Prozent dadurch ausgeglichen wird, daß die Laufzeit auf 14 Monate festgelegt wurde.

Gewiß ist es ein Schönheitsfehler, daß ein Kaufkraftschwund der Währung bereits vorweggenommen, also gewissermaßen als selbstverständlich betrachtet wird. In diesem Punkt könnte man noch andere Lösungen versuchen. Aber wenn man bedenkt, welche Gefahren eine unkontrollierte Lohnwelle für die Geldwertstabilität und die Konjunktur heraufbeschwören würde, wird man sich freuen, daß auf Schloß Hugenpoet ein Markstein auf dem Weg zu einer sachlichen Lohnpolitik gesetzt wurde. Bei künftigen Tarifstreitigkeiten sollten andere Gewerkschaften (und Unternehmer) diesem Beispiel folgen. Diether Stolze