Von Nina Grunenberg

Bielefeld

Frei nach Schiller appellierte der Fraktionsvorsitzende der CDU im Bielefelder Rathaus, Richard Dohse, an das Stadtparlament: „Geben Sie Freiheit hier in dieser Stadt, und befreien Sie uns von dem Schmutzfleck dieser Blätter auf der Bielefelder weißen Weste.“ Und er rief seinen Kollegen noch einmal ins Gedächtnis: „Was da wirklich an Schweinereien dringestanden hat...“ (Dohses Ausführungen gehörten zu den Höhepunkten in der turbulenten Sitzung des Rates im vergangenen Monat.

Über vier Stunden hatten sich die Stadtväter bei Punkt sechs der Tagesordnung aufgehalten: Verabschiedung des Haushaltetats von 210 Millionen Mark. Aber was den Ratsherrn Dohse und seine Kollegen von der CDU und FDP so in Rage gebracht hatte, waren nicht die Millionen, sondern die Moral. Die CDU-Opposition verweigerte ihre Zustimmung zum Gesamthaushalt wegen eines Betrages von 73 500 Mark, den die Stadt als Zuschuß an den Bielefelder „Verein für Jugendbildung und Freizeithilfen“ zahlt, den Träger der Jugendzeitschrift „Blätter“. Und sobald es um die „Blätter“ geht, verlieren die Erwachsenen in Bielefeld die Fassung.

Stellenweise glich die Ratssitzung einem Mitgliedertreffen für moralische Wiederaufrüstung. Ratherr Kaffka von der FDP entrüstete sich: „Mir wird hier keiner Moralpredigt vorwerfen können. Aber wer Worte wie „Mädchen abstauben ...“ oder „Leck mich am ...“ oder „L. M. A.“, in einer Jugendzeitschrift den Geschlechtsakt beschreibt, muß nach meiner Auffassung mit der Messerschmitt durch die Kinderstube gesaust sein ...“ CDU-Ratsherrin Stefanie Gebauer die die „Blätter“ von der „Warte der Frau und Mutter“ her analysierte und dabei von der „Voraussetzung christlich-abendländlischer Tradition“ ausging, kam zu dem Schluß: Die „Blätter“ fördern die Entsittlichung der Jugend, der Jargon der Gosse und des Dirnenmilieus herrsche vor, der Gesamttenor sei nicht ideell aufbauend und weitfördernd, sondern weitgehend wertverneinend, und die „Blätter“ seien nicht mehr als Feigenblätter.

Im Verlauf der Debatte fielen dann auch noch Worte wie: „Erzeugnis eines ganz kleinen Kreises von intellektuellen Eiferern“, „verkrampfte Nonkonformisten“, „Sammlung linksintellektueller Ergüsse“, „Verzichtpolitik“, „östlich orientiert“, „Schmierereien“, „Schweinereien“, „zu hohes Niveau“.

Nicht alle Zuhörer auf der Tribüne konnten der Debatte im Saal folgen. Ein Jugendlicher bekannte: „Mir wurde ganz schlecht.“ Besonnene Bielefelder fragten sich, wo sich ihre Stadtväter wohl diese Art von Kritik angeeignet hatten. Und ein älterer Zuhörer soll geseufzt haben: „Das ist ja wie im Dritten Reich.“