Von Peter Bender

In Schanghai fragte ich einmal beiläufig einen Mann, wie es in seinem Land mit Ehescheidungen stände. Die Antwort kam prompt: „Natürlich kann man sich scheiden lassen. Aber niemand will das.“ Eine bezeichnende Antwort, glaube ich: Man will nicht, was man nicht soll. Um so mehr erstaunte ich, als mein Wunsch, etwas vom Justizwesen zu sehen, in Peking ausgerechnet mit einem Scheidungsprozeß erfüllt wurde.

Der Gerichtssaal hatte den Umfang einer kleineren Schulklasse. Ein kahler Raum, geschmückt mit einer der üblichen bunten Mao-Photographien. Auf einem Podium zwei Pulte, jedes mit einem roten Stern versehen. Dahinter saß das Gericht: die Vorsitzende, eine Frau in mittleren Jahren, rechts und links neben ihr ein weiblicher und ein männlicher Richter, schließlich der Schriftführer. In der Mitte des Saales, so daß sie zu den Richtern aufblicken mußten, saßen die Kontrahenten, beide 23 Jahre alt. Die Frau trug eine hübsche bunte Jacke zu den üblichen schwarzen Hosen. Die Frisur war modern: nicht mehr die rustikalen Zöpfe, sondern kurz geschnittenes Haar. Der Wunsch zur Scheidung war von ihr ausgegangen. Und als die Vorsitzende sie nach dem Beginn ihrer Bekanntschaft und nach ihrer Ehe fragte, antwortete sie flüssig und entschieden: „In den vier Jahren, bevor wir heirateten, haben wir uns sehr gut verstanden. Wir arbeiteten in derselben Fabrik. Er hat mir an der Maschine viel gezeigt und hat mir auch sonst geholfen, manches besser zu verstehen.“

„Und weshalb bekamen Sie dann Streit?“

„Wir sind verschiedene Charaktere. Ich liebe Unterhaltung, Tanz, Ausflüge. Er aber will seine Ruhe haben. Er möchte immer zu Hause bleiben. Ich bin ein aktiver Typ. Aber er mag es nicht, wenn ich lustig bin, wenn ich mit anderen rede und mit ihnen einmal einen Spaß mache.“

Diese „Verschiedenheit der Charaktere“ erläuterte sie dann noch näher. Da gab es ihre Schwester, die viel Sinn dafür hatte, sich hübsch anzuziehen, und deren Einfluß der Mann abzuwehren suchte. „Wir sind Arbeiter“, habe ihr Mann immer wieder gesagt, „und wir wollen wie Arbeiter leben: ruhig und bescheiden!“ Doch das war nicht der einzige Grund ihrer Auseinandersetzungen. Ihr Mann habe, so erzählte sie, oft Werkzeug aus der Fabrik mit nach Hause genommen, und sie habe ihn zurechtweisen müssen, daß er das nicht dürfe. Aber das war noch nicht alles: „Ich habe mit einem anderen Mann – er ist jünger als ich – an der Maschine zusammengearbeitet. Wir unterhielten uns oft und tauschten unsere Ansichten aus. Ich habe ihn auch zu mir eingeladen, als mein Mann nicht zu Hause war.“ Sie erzählte, ohne daß die Vorsitzende viel nachfragen mußte.

Ein Deutscher, der ebenfalls China bereiste – Rechtsanwalt aus Bonn – fragte die Dolmetscher rin fassungslos: „Weshalb sagt sie das? Es ist doch gegen ihr Interesse!“