Von Theodor Eschenburg

Heinrich Köhler, Lebenserinnerungen des Politikers und Staatsmannes 1878–1949. Unter Mitwirkung von Franz Zilken herausgegeben von Josef Becker, mit einem Geleitwort von Max Miller. W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart. 412 Seiten, 27,– DM

Heinrich Köhler war Badener, 1878 in Karlsruhe geboren, Zollsekretär, 1913 Zentrumsabgeordneter im Badischen Landtag, 1920 bis 1927 badischer Finanzminister und zeitweise Staatspräsident, dann anderthalb Jahre lang Reichsfinanzminister, wurde 1945 von den Amerikanern als stellvertretender Ministerpräsident des Landes Württemberg-Baden, das die nördlichen Hälften beider Länder umfaßte, und als Präsident der Landesverwaltung Nordbaden eingesetzt. Seit 1946 war er zugleich Finanzminister bis zu seinem Tode im Februar 1949.

Die Lebenserinnerungen gehen bis 1932 und sind noch in der nationalsozialistischen Zeit niedergeschrieben. Zu deren Überarbeitung ist der überaus fleißige und aktive Mann ebensowenig wie zu ihrer Fortsetzung gekommen. So fehlt leider der Bericht über die Zeit von 1945 bis 1959, der ein interessantes Gegenstück zu den vor kurzem erschienenen Erinnerungen Reinhold Maiers gewesen wäre. Köhler war nach 1945 zunächst Anhänger der Wiederherstellung der alten Länder Baden und Württemberg, seit 1948 hingegen leidenschaftlicher Vertreter des Zusammenschlusses der durch die Besatzungsmächte geteilten baden-württembergischen Gebiete und der Pfalz zu einem Südweststaat. Immerhin sind im Anhang einige interessante Dokumente aus dieser Zeit aufgeführt.

Während Reinhold Maier mit großer Behutsamkeit, voll Rücksichtnahme auf die Lebenden vorgeht, bei jedem Wort die Wirkung auf die Leser bedenkend, sprudeln bei Köhler die Erlebnisse unmittelbar aus der subjektiven Vorstellungswelt eines talent- und temperamentvollen Erzählers. So gibt Köhler ein mit kräftigen Farben aufgetragenes Bild von seiner Beamtentätigkeit sowie seinem Wirken in Partei, Parlament und Regierung. Maier schrieb für andere, Köhler hingegen „schrieb sich frei“, eben für sich selber. In den Erinnerungen Reinhold Maiers hört es auf, sobald es anfängt, interessant zu werden. Köhler geht unmittelbar auf das Interessante los und packt es an.

Von seiner eigenen Bedeutung durchdrungen, hat er aus seinen Antipathien und Sympathien, die vielfach durch seine persönlichen sowie amts- und richtungsbestimmten Interessen bedingt waren und gelegentlich auch wechselten, weder in seinem Leben noch in seinen Erinnerungen ein Hehl gemacht. Er war eigenwillig, wendig und entschieden zugleich. Als Parteiagitator hat er begonnen, wie er selbst sagt. Welch andere Aufstiegsmöglichkeit hätte damals schon ein ehrgeiziger mittlerer Beamter auch gehabt als die über das Parlament? Aus einem doppelten Pariagefühl war er Politiker geworden, weil er sich im protestantisch-liberal regierten Großherzogtum Baden als Katholik und in einem streng hierarchischen Staatsapparat als mittlerer Beamter unterdrückt fühlte. Die aus diesem Empfinden herrührenden Ressentiments scheinen immer wieder auch in seinem Lebensbericht durch. Daß er ein militanter Katholik war, kaschiert er nicht. Als Volksvertreter war er Demokrat, aber als Minister Autokrat nicht nur gegenüber seiner Bürokratie, sondern auch gegenüber seiner Fraktion und im Parlament.

Köhler war ein befähigter Finanzpolitiker und -administrator, wenn auch seine Rolle als Reichsfinanzminister zumindest umstritten ist. Es ging über ihn das Wort „in jedem Zoll ein Sekretär“ um; das war zu hart, aber die Memoiren zeigen, daß diese bissige Bemerkung nicht völlig unberechtigt war. Auch in ihnen spiegelt sich sein kleinbürgerliches Gefallen an der Macht wider. Er gehört zu den nicht seltenen politischen Erscheinungen in der deutschen Geschichte und Gegenwart, die für ihr Land, das sie genau kannten, sicherlich Bedeutendes geleistet haben, aber die den Ansprüchen der Reichspolitik nicht gewachsen waren.