Erich Ollenhauer: Reden und Aufsätze. Herausgegeben von Fritz Sänger. Verlag H. J. W. Dietz, Hannover. 358 Seiten, 22,80 DM

Wenn man dieses Buch liest, hat man wieder das Gefühl, als sei das Schicksal diesem Manne nicht ganz gerecht geworden und als habe man auch selber zu seinen Lebzeiten ihm nicht die volle Gerechtigkeit widerfahren lassen. Gewiß war es nichts Geringes, vom Maurersohn in Magdeburg zum Führer der bundesrepublikanischen Opposition aufzusteigen und unter den politischen Menschen ganz Europas bekannt zu sein. Aber die Mehrheit der Deutschen (doch wohl auch vieler Leute in seiner eigenen Partei) hat in ihm nicht einen Mann sehen wollen, der das Format eines Kanzlers hätte; und eben das war wohl die Ungerechtigkeit.

Die von Fritz Sänger getroffene Auswahl jedenfalls beweist wieder, daß er nicht nur ein lauterer und redlicher Mensch war – was schon viel und gar nicht selbstverständlich ist –, sondern auch ein sehr gescheiter Mann, ein glänzender Redner und einfallsreicher Politiker. Sänger zitiert am Schluß einen amerikanischen Nachruf, in dem es heißt: „Ein ganzes Leben ohne Anlaß, jemals ein Wort zurücknehmen zu müssen! Jemals Irrtümer verbrennen zu müssen! Und das in diesen Zeiten!“ Es gibt nicht viele Politiker, an deren Gräbern man solche Worte sprechen könnte. So legt man das Buch mit einem Gefühl des tiefen Bedauerns aus der Hand: Schade, daß der Mann nicht mehr unter uns weilt. Er hätte uns noch viel zu sagen.

Gottfried Gerther