Schon als kleiner Junge habe er erfahren, was eine Demütigung sei. Seine Klassenkameraden hätten ihn, den körperlich Schwachen, hochheben müssen, damit er an der Reckstange seine Klimmzüge machen konnte. Aber er habe es nie geschafft, immer sei er heruntergefallen. Der Mann, der dies unlängst in seiner Autobiographie berichtete, wird in wenigen Tagen 64 Jahre alt: Eisaku Sato, seit knapp vier Monaten Japans Ministerpräsident.

Es fehlt nicht viel, daß ihm nun auch seine politischen Klimmzüge mißlingen. Die jüngste Demütigung, die ihm seine Gegner im japanischen Parlament beibrachten, war schlimm genug. Im Streit um eine bisher streng geheimgehaltene Kriegsplanung der Militärs aus dem Verteidigungsministerium, konnte der Linkssozialist Haru Okada Durchschläge von Top-secret-Papieren vorweisen, die für den Fall eines chinesischen oder nordkoreanischen Angriffs auf Südkorea eine japanische Mobilmachung und eine Sondergesetzgebung vorsahen. Zwar handelte es sich bei diesen Dokumenten unter dem Kodewort "Drei Pfeile" um theoretische Erörterungen aus dem Jahre 1963. Die Öffentlichkeit aber, zu großen Teilen vom Antimilitarismus durchdrungen, war alarmiert. Japans Presse tat ein übriges und malte das Schreckgespenst eines Staatsstreiches der Generalität an die Wand.

Sato selber vermochte die Furcht nicht zu dämpfen. Im Gegenteil: Da er behauptete, von den Sandkastenspielen seiner Offiziere nichts zu wissen, und es obendrein schlankweg abstritt, daß das Verteidigungsministerium dafür verantwortlich sei, machte er alles nur noch schlimmer. Kaum im Amt, sieht sich also der japanische Ministerpräsident einer geschlossenen Front der Neutralisten und Pazifisten gegenüber, die von ihm die Köpfe seiner "kriegslüsternen" Verteidigungsbeamten fordern. Die innenpolitischen Querelen, mit denen sich in den letzten Jahren noch jeder japanische Regierungschef abplagen mußte, machen nun auch Sato sehr zu schaffen.

Dabei stand sein Start als Japans zehnter Nachkriegspremier unter einem günstigen Stern. Gefeiert von der Presse als der "erste japanische Ministerpräsident des 20. Jahrhunderts", hatte Sato von einem Besuch in Washington gute Nachrichten mitgebracht: Johnson gab ihm, wenn auch widerstrebend, freie Bahn zu engeren Wirtschaftskontakten mit Rotchina. Und der amerikanische Präsident willigte in eine Abwandlung des 1951 unterzeichneten Sicherheitsvertrages zugunsten eines Nuklearschutzes des asiatischen Partners ein und sicherte den Japanern ein größeres Mitspracherecht in der Verwaltung des US-Stützpunktes Okinawa zu.

Sato konnte mit seiner Mission im Weißen Haus zufrieden sein. Zum ersten Male in der Geschichte der amerikanisch-japanischen Allianz fand sich Washington bereit, dem Inselreich mehr außenpolitischen Spielraum zu geben und Tokios "Brückenschlag" zwischen Ost und West im pazifischen Raum zu akzeptieren. Zum ersten Male auch in der zwanzigjährigen Nachkriegsgeschichte kann ein japanischer Regierungschef darangehen, den Handel als politisches Instrument zu benutzen, um gegenüber dem "großen Nachbarn" in Peking eine selbständige asiatische Politik zu betreiben. Johnson hob gemeinsam mit Sato die bisher gültige Formel des japanischen Ministerpräsidenten Ikeda auf, der auf Veranlassung der Amerikaner bestimmt hatte: Handel mit dem kommunistischen China ist nur erlaubt unter der Bedingung, daß Politik und Wirtschaft strikt auseinandergehalten werden. Dieser Epoche will der neue Mann im Premierpalais zu Tokio nun mit "asiatischer Geduld und Toleranz" ein Ende bereiten.

Dies ist ihm bereits auf anderem Felde gelungen: Nach zwölfjährigen, zähen Verhandlungen mit der Regierung in Seoul unterzeichnete Sato kürzlich einen Vertrag, der den Austausch von Botschaften vorsieht. Zumindest auf der diplomatischen Ebene wurden also die Barrieren weggeräumt, die einer längst fälligen Aussöhnung mit dem ehemals von den Japanern besetzten Südkorea bislang im Wege standen. Aufsehen erregte auch die Absicht der neuen japanischen Regierung, zur nächsten afro-asiatischen Konferenz in Algier eine Delegation zu entsenden.

Doch damit nicht genug. Das wachsende Selbstvertrauen, das sich nach dem rapiden wirtschaftlichen Aufstieg Japans nun auch in der Außenpolitik bekundet, hat Sato dazu geführt, sich sogar in der Rolle eines Schlichters und Friedenstifters in Vietnam und im Malaysia-Konflikt zu versuchen. Doch dabei ist ihm schon der Anfangserfolg versagt geblieben.