Von Rudolf Hartung

Angesichts der „Texte“, „Berichte“ oder „Felder“ unserer jüngsten Literatur stellt sich dem Leser ein ausgewachsener, mit realistischen Mitteln arbeitender Roman fast schon wie ein Anachronismus dar. Daß er dennoch existiert, und zwar keineswegs nur auf unterer Ebene, straft das Gerede, es gebe nichts mehr zu erzählen, Lügen, auch wenn es wahr sein mag, daß solches Erzählen seine große Stunde heute nicht hat.

Kritik an den herrschenden Zuständen und der massiven Wirklichkeit insgesamt kann kaum von jenen geübt werden, die zu schreiben beginnen, nachdem sie die Wirklichkeit bis auf wenige Rudimente verabschiedet haben. Tollkühn und komisch zugleich ist ihr Anspruch, sie übten mit solchem Rückzug auf die Sprache allein und dank ihrer genügsamen Abstinenz fundamentale Kritik: Die Meinung Helmut Heißenbüttels, eher als Enzensberger sei Franz Mon mit seinen Wort- und Buchstabenspielereien ein legitimer Nachfolger Bertolt Brechts – und was wäre ein Brecht ohne seine Gesellschaftskritik? –, verdient als Beispiel einer Verirrung festgehalten zu werden.

Möglich, daß bei uns der realistische Roman, dem Kritik immanent ist, sich schwerer tut, weil eine verbindliche bundesrepublikanische Lebensform nicht leicht namhaft gemacht werden kann. Anders in den USA, wo Schriftsteller wie Saul Bellow, Jerome D. Salinger oder Bernard Malamud den American Way of Life einer herben Kritik unterziehen. Hier wie in Rußland wäre mit einer wesentlich auf die Sprache sich zurücknehmenden Literatur wenig zu leisten – es sei denn, man verstünde in Rußland „experimentelles“ Schreiben, da es ehemaligen offiziellen Forderungen und heutigen Wünschen sich versagt, als politische Aktion. (Wovon bei uns, wo jede Art künstlerischer Äußerung erlaubt ist, keine Rede sein kann: Die Hoffnung, es säßen, mit Brecht zu sprechen, ohne unsere „experimentellen“ Schreiber die Herrschenden sicherer, wäre geradezu lächerlich.)

Wie der American Way of Life zu porträtieren und was gegen ihn vorzubringen ist, läßt sich an zwei neuen Büchern eines jüngeren amerikanischen Autors studieren –

Bernard Malamud: „Das Zauberfaß und andere Geschichten“, aus dem Amerikanischen von Annemarie Böll; „Ein neues Leben“, Roman, aus dem Amerikanischen von Herta Hass; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 252 S., 14,80 DM, und 421 S., 19,80 DM.

Abgesetzt gegen den normierten amerikanischen Lebensstil sind viele der Helden des Erzählungsbandes, weil sie, wie der Autor, jüdischer Herkunft sind: Außenseiter einer im Konformismus schwelgenden Gesellschaft, ähnlich den Farbigen, und somit zur Kritik disponiert. Dieses Außenseitertum dokumentiert sich in den Geschichten auf oft rührende, manchmal auch märchenhafte Weise – die Titelerzählung „Das Zauberfaß“, die Geschichte „Ein Engel namens Levine“ oder „Die ersten sieben Jahre“ lesen sich, als hätte Chagall sie geschrieben.