Von Wolfgang Leonhard

Chruschtschows Stil ist passé. Seine hektischen Organisationsexperimente und die häufigen Mammutversammlungen im Kreml, auf denen eine Kampagne nach der anderen mit großem Pomp verkündet wurden, gehören der Vergangenheit an. Die neuen Führer sind ruhiger und nüchterner; sie treten seltener an die Öffentlichkeit, lebendige und oft temperamentvolle Ausfälle, wie sie Chruschtschow liebte, sind verpönt. In der Sowjetunion hat sich jetzt wieder ein ruhigerer, bürokratisch anmutender Stil eingebürgert. Aber man wird gut daran tun, diesen Wechsel der Formen nicht zu überschätzen. Das ruhige und nüchterne Gebaren bedeutet keineswegs, daß in der innenpolitischen Entwicklung der Sowjetunion ein Stillstand eingetreten ist. Im Gegenteil, ohne viel Aufhebens, ohne spektakuläre Ankündigungen sind seit dem Sturz Chruschtschows eine Reihe wichtiger Entscheidungen getroffen – und auch in die Tat umgesetzt worden, die beweisen, daß die Abkehr von Stalin in den verschiedensten Bereichen des Lebens und die Modernisierung des Sowjet-Kommunismus fortgesetzt wird. Ja, es scheint fast, als ob die neuen Führer diese Entwicklung aktiver vorantreiben als der so aktiv wirkende Chruschtschow.

In der sowjetischen Wirtschaftspolitik haben die neuen Männer im Kreml sich vom Überoptimismus Chruschtschows und von seinen hochfahrenden ökonomischen Plänen distanziert. Selbst die im Parteiprogramm verankerten weitreichenden Zehn- und Zwanzig-Jahres-Pläne werden kaum noch erwähnt. Die neue Kreml-Führung will sich offensichtlich weniger an Utopien und mehr an der Realität orientieren. So fallen auch die sachlichen Erwägungen und Vorschläge von Wissenschaftlern, Technikern und Managern stärker als bisher ins Gewicht. Mehr Selbständigkeit für Wirtschaftsunternehmen, weniger Bevormundung von oben, die Einführung des Rentabilitätsprinzips – das ist die Quintessenz der neuen Wirtschaftsreform, die jetzt Schritt für Schritt verwirklicht wird.

Nach den Erfahrungen der beiden Experimentier-Textilbetriebe „Bolschewitschka“ in Moskau und „Majak“ („Leuchtturm“) in Gorki, die als erste nach diesem neuen System arbeiteten, sind kürzlich über 400 Unternehmen der Leichtindustrie – vorwiegend Schuh-, Kleider-, Leder- und Möbelfabriken – auf das Rentabilitätsprinzip umgestellt worden. Nicht mehr von oben ausgearbeitete weltfremde Pläne, sondern die Anforderungen der Handelsorganisationen und Geschäfte stehen nun für diese Unternehmen im Vordergrund. Die Betriebsdirektoren haben das Recht, über Qualität, Quantität, Ausstattung und Lieferung der Waren selbständig zu entscheiden. Schon werden Gedanken laut, ob ähnliche Veränderungen nicht auch der Landwirtschaft und einem Teil der Schwerindustrie zugute kommen sollten.

Mehr als 600 sowjetische Ökonomen, Manager, Mitarbeiter von Plan- und Wirtschaftskommissionen haben sich bisher laut Prawda an der Diskussion über die Wirtschaftsreform beteiligt. Das alte bürokratisch-zentralistische Planungssystem wird jetzt in aller Öffentlichkeit ebenso scharf kritisiert, wie es früher gelobt worden war. Alle sind sich darin einig, daß es verändert werden muß. Einige Kritiker versprechen sich eine Menge von der Einführung mathematischer Modelle, elektronischer Rechenmaschinen und neuer Programmierungsmethoden. Sie wollen die zentrale Planwirtschaft im Prinzip erhalten, jedoch moderniseren. Eine zweite – und wahrscheinlich stärkere – Gruppe schlägt eine radikalere Kur vor. Diese Kritiker warnen davor, die Möglichkeiten moderner Programmierung zu überschätzen; sie wollen statt dessen die zentrale Planung drastisch beschneiden, die Preise mehr nach Angebot und Nachfrage regulieren, also Elemente der Marktwirtschaft in der Sowjetunion einführen (ohne dabei freilich die Eigentumsverhältnisse zu verändern).

Gleichzeitig ist die neue Sowjetführung bestrebt, unpopuläre Dekrete und willkürliche personelle Entscheidungen Chruschtschows rückgängig zu machen. Der fähige ehemalige Landwirtschaftsminister Vladimir Mazkewitsch, der nach einem Temperamentsausbruch Chruschtschows im Dezember 1960 abgesetzt wurde, ist wieder auf seinen früheren Posten berufen worden. Der unter Chruschtschow abgesetzte Kunajew wurde wieder Parteichef Kasachstans, Lobanow wieder Präsident der sowjetischen Landwirtschaftsakademie. Der von Chruschtschow degradierte ehemalige Moskauer Parteisekretär Kapitonow hat wieder eine wichtige Position im Apparat des Zentralkomitees, und Marschall Sacharow kehrte auf den Posten zurück, den er bereits 1960 bis 1963 innehatte: Er wurde zum Chef des Generalstabs ernannt. Selbst der von Chruschtschow zum „Parteifeind“ deklarierte Woroschilow wird wieder lobend erwähnt, und kürzlich konnte der sowjetische Schriftsteller S. Smirnow im Moskauer Fernsehen sogar den sensationellen Vorschlag machen, die Jubiläumsparade zum 20. Jahrestag des sowjetischen Sieges im Zweiten Weltkrieg, die am 9. Mai dieses Jahres auf dem Roten Platz in Moskau stattfindet, sollte von Marschall Shukow angeführt werden. Smirnow begründete seinen Vorschlag damit, daß Tausende von Sowjetbürgern diesen Wunsch in Briefen mitgeteilt hätten; wahrscheinlicher ist, daß maßgebende politische Kräfte eine Rehabilitierung des im Oktober 1957 von Chruschtschow gestürzten Marshalls anstreben.

Die Absetzung Trofim Lyssenkos, des Hofbiologen sowohl Stalins als auch Chruschtschows, ist von der sowjetischen Intelligenz sicherlich mit Befriedigung aufgenommen worden. Es ging dabei um weit mehr als um einen Personenwechsel, denn bei der Absetzung Lyssenkos wurde öffentlich erklärt, daß nun eine freie Forschung auf dem Gebiet der Genetik und in der Biologie überhaupt möglich sei. Sogar der Stammvater der Vererbungsforschung, Gregor Mendel, der bisher als „Reaktionär“ verpönt war, ist wieder zu Ehren gekommen.