Von Wolfgang Neuss

In diesem Kabarett-Nachschlagewerk hat einer gesammelt, was von der Jahrhundertwende bis heute auf Brettl, Cabaretpodium, Kabarettbühne, Varieté und Fernsehschirm an gesprochener, gesungener und gespielter Kleinkunst stattgefunden hat:

„Soweit die scharfe Zunge reicht“ – Die Anthologie des deutschsprachigen Cabarets, herausgegeben von Klaus Budzinski, mit einem Essay von Werner Finck; Scherz Verlag, München/Bern/Wien; 458 S., 24,80 DM.

Wer Hochzeitszeitungen zu machen hat, Betriebsveranstaltungen mit literarischen oder pseudoliterarischen Texten ausstatten will, wer Fernsehsendungen mit Schauspielern, die gern mal Kabarett machen möchten, mit Texten versorgen will, der besorge sich dies Buch, welches insgesamt beweist, daß Kabarettisten und kabarettistische Interpreten immer nur Satire-Lehrlinge sind und Gesellen oder Meister nicht werden wollten und wollen.

Da wurde Gedicht auf Gedicht gesammelt, Dialog neben Liedchen gedruckt, Sketche, Vierzeiler, Pointen wurden zusammengefegt. Daß sich in dem Kehrichthaufen auch Köstlichkeiten befinden, ist wahr, zumal Brecht-Gedichte, Tucholsky-Chansons, Morlock-Balladen und Kästner-Lieder (von allen nicht die besten) dabei sind.

Wer Kabarett (politisches) und Satire (literarische) als nichts weiter und nichts mehr denn reaktionäre Unterhaltung versteht, mag mit diesem dicken Buch zufrieden sein und es als nützlich und gut empfinden.

Da haben Leute wie Gumppenberg, Bierbaum, Klabund und Wolzogen auf gesellschaftliche Zustünde reagiert, haben sie parodiert, persifliert und auch nur durch den Kakao gezogen. Helle Freude ist es fast nie, die man darüber im nachhinein empfindet; die Zungen sind weder scharf, noch reichen sie weit. Agitation, die Zwerchfell und Gehirn erschüttert und Denkprozesse in Bewegung setzt, fand – so wird der Anthologiebesitzer in zwanzig Jahren urteilen – in den ersten sechzig Jahren dieses Jahrhunderts nicht satt (es sei denn, er besäße schon die gesammeltem Werke von Tucholsky). Aktion war von der Jahrhundertwende bis heute niemandes Absicht. Der von Selbstkritik, Selbsterkenntnis und unbändigem Änderungswillen nicht sehr begeisterte deutsche Kabarettbesucher findet neben Brecht Irsulaner-Neumann, neben Mehring Endrikat, K-eisler und Bronner neben Tucholsky, Robert Neumann und Else Lasker-Schüler neben Klaus Peter Schreiner und Benatzky. Wenn es wahr ist, daß Gutes neben Schlechtem, Nützliches neben Schädlichem eine Anthologie ergeben, dann mag auch wahr sein, daß Satire heute im deutschsprachigen Raum keine Möglichkeit mehr hat, außer der, das Publikum zu beruhigen: Solange die das sagen und singen dürfen, ist alles in Ordnung. Und es war also auch immer alles in Ordnung.