E. W., Paris, im März

In der Pariser Sowjetbotschaft wird der Hausherr wechseln: Auf den immer gutgelaunten, wortgewandten, politisch wie gesellschaftlich erfolgreichen Sergyej Alexandrowitsch Winogradow soll der zurückhaltende, fast verschlossene Valerian Sorin folgen. In dem Augenblick, da die Beziehungen zwischen Moskau und Paris immer besser werden und auf einem Gebiet – Südostasien – sogar den Charakter regelmäßiger diplomatischer Konsultationen annehmen, zieht der Kreml einen Mann zurück, der 13 Jahre lang in Frankreich war, den man im Elysée schmunzelnd als „Gaullisten“ begrüßt und der im gesellschaftlichen Leben von Paris eine glänzende Rolle spielt.

Die Tatsache, daß Winogradow nach diplomatischem Standard schon „überlange“ an der Seine ist, wird in Paris nicht als ausreichender Grund für die Abberufung gewertet. Moskau, das ist der allgemeine Eindruck, schickt mit Sorin – dem ersten Stellvertretenden Außenminister und Mitglied des ZK – in diesem wichtigen Augenblick als Vertreter einfach einen Diplomaten von anderem Kaliber. Moskau hat nicht nur regelmäßige Konsultationen über Südostasien vorgeschlagen, sondern vorher schon, allerdings vergebens, eine organisierte diplomatische Zusammenarbeit größeren Stils angeregt. Und nach allen Zeichen der Gunst, mit denen die sowjetische Regierung General de Gaulle in der letzten Zeit bedachte, schickt sie in einigen Wochen nun auch noch Außenminister Gromyko nach Paris. Bis dahin soll der neue Sowjetbotschafter, der erste Mitarbeiter Gromykos, schon im Amt sein. Der leise Flirt zwischen Moskau und Paris hat lange genug gedauert. Jetzt werden ernstere Absichten erkennbar.