NORDDEUTSCHER RUNDFUNK

Donnerstag, 18. Februar, Sonnabend, 27. Februar, die Musiksendung:

Zu Beginn seiner ersten, als „Versuch“ bezeichneten Sendung bekannte der Autor Kurt Heinrich Hansen: „Als ich zuerst versuchte, Spirituals zu übersetzen, habe ich nicht geglaubt, daß die deutschen Fassungen auch singbar sein würden.“ Er selbst muß sich später eines besseren belehrt haben. Jedenfalls ließ er den farbigen Amerikaner Lawrence Winters, der als Kind bereits im Kirchenchor in South Carolina mit der geistlichen Musik der Neger vertraut wurde, dann als Bariton an Opernbühnen zwischen Berlin, Hamburg, New York und San Franzisko gastierte, ein Dutzend Aufnahmen mit Spirituals in deutscher Übersetzung singen, fügte zum Vergleicheine Version in der Originalsprache bei, gab Kommentare, dozierte über Varianten seiner deutschen Fassungen, referierte über zwischen den beiden Sendungen eingegangene Hörerzuschriften – „Zustimmung und Begeisterung überwogen“ – gestand, bei der Übersetzung des „Steal away to Jesus“ in „Schleich dich fort“ die Melodie nicht im Ohr gehabt zu haben, sah ein, daß es für „Roll, Jordan, roll“ keine Sprache auf der Welt gäbe, in die „diese herrlich kraftvollen Verse zu übersetzen wären“.

Hansen versuchte, die Texte „vom Ohr, von der Melodie her, auch vom Bild, vom Vorgang her“ zu übersetzen, und er kam ins rhythmische Holpern. Er ließ einen farbigen Sänger den neuen Text vorstellen, und der geriet ins musikalische Pathos, aus seinen Spirituals wurden gehobene Schnulzen. „Macht man schon einmal den Versuch, Spirituals in einer anderen Sprache zu singen, dann sollte man dabei von Anfang an einen hohen Standard setzen.“ Hansen bezog Standard auf Europa, dachte an Schubert, an deutsche Liedkunst und vergaß, daß Spirituals damit gar nichts und mit Swing alles zu tun haben. Der große Bariton Lawrence Winters wollte sich nicht mehr daran erinnern, wie er Spirituals früher einmal gesungen hatte. Sylvia Lee und Robert Owen besorgten den Rest, als sie den Rhythmus vollends unter ihr Klavier fallen ließen, pathetische Akkordik nach Art einer schlechten Begleitung von Händel-Arien fabrizierten und die Tempodehnungen zu den Schlüssen hin genüßlich auskosteten.

Er habe gehört, man plane, Negro Spirituals in den abendländischen Gottesdienst zu übernehmen. Dieser Versuch, Spirituals auf deutsch zu singen, möchte da ja ganz aufschlußreich gewesen sein. Womit der Autor tatsächlich den Nagel auf den Kopf traf. H. J. H.