K.M., Lindau

Die Österreicher müssen in diesen Wochen bekennen, was ihnen ihre Zwei-Parteien-Volksdemokratie wert ist. In Bregenz wartet nämlich ein neues Schiff auf seinen Namen. Die Wiener möchten dem jüngsten Sprößling ihrer Bodenseeflottille den Namen des ehemaligen sozialdemokratischen Bundeskanzlers Karl Renner geben, die Bregenzer dagegen möchten es lieber „Vorarlberg“ taufen.

Dem Mann freilich, der Wochen zuvor dazu gezwungen worden war, anstatt mit dem neuen Schiff wieder mit der Bundesbahn nach Wien zurückzufahren, wird das nicht so ganz leichtfallen. Hatte ihm doch, dem sozialdemokratischen Verkehrsminister Probst, am 21. November morgens um 10.30 Uhr vor seiner Ankunft in Bregenz und eine halbe Stunde vor dem feierlichen Taufakt der Chef der Vorarlberger Gendarmerie, Hofrat Dr. Sternbach, per Funk mitteilen müssen, daß er für die Sicherheit des Ministers nicht garantieren könne: 20 000 „See-Österreicher“ hatten sich am Taufplatz in Fußach mit Transparenten und anderen Demonstrationswerkzeugen versammelt, um dem Wiener unmißverständlich beizubringen, wer in Österreich über Kleinigkeiten bestimme.

Das war selbst Minister Probst zu viel gewesen. Deshalb ließ er sein Schifflein, welches ihn über das Schwäbische Meer von Lindau herübergetragen hatte, auf offener See wenden. Alles, was die eigensinnigen Vorarlberger dem Minister aus dem in ihren Augen „zentralisierten Osten“ des Landes zugedacht hatten, mußte nun der verhinderte „Karl Renner“ über sich ergehen lassen: Die faulen Eier, die weichen Tomaten und auch noch einen Topf voller Farbe, mit dem der Name des stolzen Täuflings überpinselt wurde. Außerdem mußte Probsts Parteifreund, der Vorarlberger Nationalrat Dr. Haselwanter, als Blitzableiter herhalten. Er wurde mit Steinen und anderen Geschossen in eine Baubaracke getrieben und konnte nur aus der Ferne Zeuge der Nottaufe werden, die ein paar couragierte Vorarlberger für ihre „Vorarlberg“ mit einer Flasche Bodenseewasser vornahmen.

Doch nicht genug mit diesem Volksfest. Es kam noch schlimmer. Hatte sich die Gendarmerie in Fußach damals noch zurückgehalten, so tauchten einige Tage später, nach einem Bericht der „Vorarlberger Nachrichten“, Kriminalbeamte in den Wohnungen und an den Arbeitsplätzen der Bregenzer Bürger auf und erkundigten sich, wer an den Demonstrationen teilgenommen habe. Schon am 21. November hatten Presse und Rundfunk die Bevölkerung aufgefordert, sie sollten aus Protest gegen „Karl Renner“ zur Werft nach Fußach gehen. Nach dem Auftauchen der Kriminalisten unterrichteten die „Vorarlberger Nachrichten“ ihre 25 000 Abonnenten, daß man den Beamten keine Auskunft zu geben brauche. In der Zeitung wurden nicht nur die Methoden als „Österreichs unwürdig“ verurteilt, es wurde auch geschrieben, daß der österreichische Justizminister Dr. Breda, falls er sich in diesem Fall eingeschaltet habe, „von seiner ehemaligen kommunistischen Zugehörigkeit auf seinem österreichischen Ministerstuhl wenig kommunistisches Gedankengut aufgegeben hätte“.

Auf Anweisung des Feldkircher Landgerichts wurde die Ausgabe der „Vorarlberger Nachrichten“, welche der österreichischen Volkspartei nahesteht, beschlagnahmt. Wieder mußten die Gendarmeriebeamten durch die Lande ziehen und alle Exemplare dieser Ausgabe an den Zeitungskiosken, in Hotels und Restaurants einziehen. Gegen den Herausgeber und Chefredakteur sowie gegen den verantwortlichen Redakteur wurde ein Strafverfahren wegen Aufwiegelung eingeleitet.

Darauf veröffentlichten die „Vorarlberg Nachrichten“ in ihrer nächsten Ausgabe das polizeiliche Protokoll über die Vorgänge in Fußach, in dem unter anderem von „zügellosen Volkshaufen“ gesprochen wurde, denen die Gendarmerie mit ihren 65 Beamten machtlos gegenübergestanden hätte. Zugleich wurde die leichtfertige Äußerung des Verkehrsministers Probst widerlegt, der in Wien die Zwischenfälle als das Werk von „2000 Lausbuben“ bezeichnet und damit die Vorarlberger tief gekränkt hatte.