DIE CHINESISCHE MAUER

Farce von Max Frisch

Deutsches Schauspielhaus in Hamburg

Von Max Frisch gibt es eigene, durch Bühnenwirkung korrigierte Bearbeitungen seiner dramatischen Werke bis zu fünf „Fassungen“. „Die Chinesische Mauer“ hat es erst auf zwei vom Autor geschriebene Texte gebracht. Die zweite wurde erstmals 1955 von Oscar Fritz Schuh im Berliner „Theater am Kurfürstendamm“ inszeniert. Jetzt wiederholt Schuh in Hamburg seine Berliner Erfolge. Frisch strich als Dramaturg in eigener Sache seinen Text für Hamburg energisch zusammen. Er plaudert darüber im Programmheft. Aber der inszenierende Generalintendant versagte sich der Selbstkritik seines Autors.

Schuh ließ auch jene Inszenierung unbeachtet, die der „Chinesischen Mauer“ im Sommer 1964 von Kurt Hübner (Bremen) in der Hersfelder Stiftsruine als Glück widerfahren ist. 1955, während der Berliner Festwochen, hielt ich Frischens Farce für ein zeitkritisch wohlgemeintes, als Allegorienspiel literarisch ambitioniertes, theatralisch jedoch totgeborenes Kind. Unter Kurt Hübners aufreißender Regie entpuppte sich aus dem nur wenig veränderten, aber radikal inszenierten Text ein modernes Jedermann-Spiel.

Hübner hatte sich gelöst von dem Spieluhr- oder Totentanz-Schema, das Frisch für den Auftritt der historischen Figuren nahegelegt hatte. Statt dessen sah man den Zuschauer überrennende Aufmärsche. Die Kostüme waren weitgehend modernisiert. Die Beziehung zur Gegenwart wurde betont durch ausgedehnte musikalische Zitate, die vom Großen Zapfenstreich bis zu den Liebesträumen von Liszt reichten. Außerdem richtete Hübner mit der bei ihm abschließenden Wiederholung der Romeo-und-Julia-Szene im Pessimismus des Autors die Liebe als ethische Dominante auf.

Schuh schien zu Anfang seiner von Berlin abweichenden Hamburger Inszenierung auf solche Anregungen einzugehen. Seine Frau, Ursula Schuh, hatte eine tiefe, schwarze Bühnenhalle dekoriert. In sie ergoß sich über einen roten Teppich später die allzu historisch kostümierte chinesische Kaiserpracht. Aber es blieb ein malerisches, es wurde kein dramaturgisches Bühnenbild. Der Regisseur nutzte den Raum nicht zum großen Maskenfest. Er hatte einige Parterreakrobaten hinzuengagiert, trieb jedoch die sprechenden Maskenpaare schleunigst in die Kulissen. Im leeren Raum ließ er den Dialog tropfenweise sprechen. Der theatralische Bogen blieb aus.

Der Hamburger Abend verlief genauso langweilig wie der Berliner. An den Rändern glänzten noch einige Protagonisten des Gründgens-Ensembles: Will Quadflieg (als Der Heutige ohne entschiedene Führung), Solveig Thomas und Charles Brauer bewegend als Romeo und Julia, Max Eckard als beispielhafter Brutus, Ullrich Haupt (Donjuan), Ruth Niehaus (Prinzessin), Erni Mangold als appetitliche Cleopatra und andere mehr. Hermann Schömberg spielte als Kaiser „Land des Lächelns“. Das Gefälle eines reichen, aber ungeformten Ensembles reichte bis zum Tiefpunkt Beatrice Norden. Dem plätschernden Beifall stellte sich nach einer guten Viertelstunde der Autor. Die Schuhs, Regisseur und Bühnenbildnerin, stellten sich nicht. Johannes Jacobi