Mitten im lauten Trubel des Düsseldorfer Karnevals versammelten sich einige hundert Aktionäre der Boswau & Knauer AG zu einer Sitzung, allerdings ohne Narrenkappen. Die Aktionäre waren nicht bester Stimmung. Schließlich hatten sie darüber abzustimmen, ob sie „ihre Gesellschaft“ liquidieren oder einer Sanierung zustimmen sollten. Praktisch blieb ihnen nichts anderes übrig, als die Bedingungen der gewerkschaftseigenen Deutschen Bauhütten GmbH zu akzeptieren, die einen Kapitalschnitt von 10 : 4 vorsehen. Andere Interessenten hatten das seit Monaten nach allen Seiten verhandelnde Bankenkonsortium nicht mehr anzubieten.

Trotz des traurigen Anlasses blieb die Sitzung nicht ganz ohne Gelächter. Meist kam es auf, wenn der neu bestellte Aufsichtsratsvorsitzende Dr. Frenz‚ langjähriger juristischer Berater von Boswau & Knauer, in seiner – wie er sagte – objektiven Darstellung das Verhalten des Aufsichtsrats und des Bankenkonsortiums erläuterte. Daraus ließ sich in etwa die Verteidigungslinie erkennen, auf die sich der Aufsichtsrat bei der Sonderprüfung (die Deutsche Revisions- und Treuhand-AG soll feststellen, ob Vorstand und Aufsichtsrat gegen Gesetz, Satzung oder Geschäftsordnung verstoßen haben) zurückziehen wird. Nicht etwa auf eine falsche Unterrichtung durch den Vorstand. Nein, sie ist nachweisbar regelmäßig und wohl auch richtig erfolgt. Als falsch erwiesen sich aber stets die Prognosen des Vorstandes.

Auf der Hauptversammlung am 16. März 1964 hieß es noch: Mit einem Gewinn, der für 1963 die Verteilung einer Dividende zuläßt, ist nicht zu rechnen. Ende Juli erfuhr der Aufsichtsrat, daß per 30. Juli ein Verlust von 4 Millionen Mark entstanden war. Der Vorstand vertrat aber gleichzeitig die Ansicht, daß dieses Defizit im zweiten Halbjahr 1964 beseitigt werden würde. Am 18. August meinte der Vorstand: Ein ausgeglichenes Ergebnis ist noch durchaus möglich. Aber Ende November hatte sich der Verlust schon auf 4,76 Millionen erhöht. Er ist dann noch kräftig weiter gewachsen.

Auf der außerordentlichen Hauptversammlung in Düsseldorf entstand der Eindruck, daß sich der Vorstand unaufhörlich irrte, aber der Aufsichtsrat keine Veranlassung spürte, ihm zu mißtrauen. Gutgläubigkeit – um einen milden Ausdruck zu gebrauchen – ist aber nach dem Aktiengesetz nicht strafbar, auch nicht, wenn sie Millionen kostet.

Das Bankenkonsortium hat nicht mehr gewußt als der Aufsichtsrat, meinte Dr. Frenz in seinem Lagebericht. Diese Feststellung ist wichtig, weil verschiedene Leute auf die Konsortialbanken deshalb schlecht zu sprechen sind, weil diese in der Vergangenheit versucht haben, ihnen größere Pakete an Boswau-&-Knauer-Aktien zu Preisen zu verkaufen, die – aus heutiger Sicht betrachtet – weit überhöht waren. Aber das wußten die Banken damals natürlich nicht...

Verständlicherweise waren die angesprochenen Interessenten weniger vertrauensselig als Aufsichtsrat und Banken, sondern zogen Erkundigungen über Boswau & Knauer ein, die alles andere als günstig lauteten. In der Bauwirtschaft konnte man sich an Hand der Preisgebarung von Boswau & Knauer schon seit geraumer Zeit ausrechnen, daß bei dem Düsseldorfer Unternehmen ein großer Knall kommen würde.

Der sogenannte „treue Aktionär“ merkte von diesem Spiel hinter den Kulissen nichts. Den im September 1964 vom Wirtschaftsprüfer testierten und vom Aufsichtsrat festgestellten Jahresabschluß für 1963 bekam er nicht zu Gesicht, weil man zunächst das Schiedsverfahren zwischen der Gesellschaft und dem Vorbesitzer der Arthur Simon Baugesellschaft mbH (jetzige Tochtergesellschaft von Boswau & Knauer) abwarten wollte. Eine Begründung, die rückwirkend gesehen, deshalb merkwürdig anmutet, weil das Schiedsverfahren auch heute noch nicht beendet ist. Aber mit der Vorlage des Abschlusses für 1963 hätte man etwas über die inzwischen prekär gewordene Lage der Gesellschaft sagen müssen, was den damals schon schwebenden Sanierungsverhandlungen sicherlich nicht zuträglich gewesen wäre. Aber auch das ist nicht strafbar!