Washington, im März

Wenn Regierungen „Farbbücher“ veröffentlichen, dann wollen sie damit etwas entschuldigen, was war, oder etwas rechtfertigen, was kommen wird. Das gilt auch für jenes vom amerikanischen Außenministerium jetzt herausgegebene Weißbuch über die „Aggression aus dem Norden“, mit dem sich Washington um den Nachweis bemüht, daß der Kleinkrieg in Südvietnam von Beginn an in Hanoi geplant und vorbereitet wurde. Weiterhin habe Nordvietnam so heißt es darin, zur See nicht nur Kriegsmaterial, sondern auch Menschen nach Süden eingeschleust.

Die Schlußfolgerung ergibt sich von selbst: Der Aufstand ist kein Bürgerkrieg kommunirichtennetz – all das wird von Hanoi aus gesteuert. Diese Tatsachen hat die amerikanische Regierung doch wohl schon einige Jahre gekannt. Wenn sie sie erst jetzt ans Tageslicht brachte, so ist das nichts weiter als ein verspätetes Eingeständnis der Führungs- und Richtungslosigkeit, mit der sie sich seit zehn Jahren – also seit dem Brief Eisenhowers an den südvietnamesischen Staatspräsidenten mit dem amerikanischen Hilfeversprechen (nach der Genfer Indochinakonferenz) – in Südvietnam engagiert hat. Zehn Jahre lang haben alle amerikanischen Präsidenten beteuert, die Bekämpfung des Aufstandes sei in erster Linie eine Sache Südvietnams. Von Aggression aus dem Norden war keine Rede, stisch geschulter Partisanen aus Südvietnam, sondern eine Angriffshandlung der nordvietnamesischen Regierung, die den Vereinigten Staaten und Südvietnam das völkerrechtlich nunmehr unbestreitbare Recht zur Selbstverteidigung gibt und ihnen erlaubt, den Kampf in die Ausgangspositionen des Gegners zu tragen. Die Vergeltungsschläge amerikanischer und südvietnamesischer Luftverbände werden damit ebenso legitimiert wie künftige ausgedehntere Aktionen – gleich ob sie aus der Luft, zur See oder zu Lande geführt werden.

Der Nachweis der nordvietnamesischen Aggression ist gründlich und fast lückenlos. Er ergibt dies: Der Kern des Vietcong, also seine in fünfzig Bataillone gegliederten Kampftruppe von 35 000 Mann besteht überwiegend aus Nordvietnamesen oder wurde doch fast ausschließlich in Nordvietnam ausgebildet. Dieser Truppenkern wurde von Transporteinheiten der nordvietnamesischen Armee nach Süden transportiert und wird von anderen Spezialorganisationen mit Waffen und Munition versorgt. Die politische Leitung des Aufstandes, sein Erkundungs- und Nachobgleich sie feststand. Sie wurde von Washington bewußt verniedlicht und vertuscht. Noch vor einem halben Jahr haben die Amerikaner Berichte südvietnamesischer Generale über das Auftreten geschlossener Vietcong-Einheiten aus dem Norden als propagandistisches Geschwätz abgetan.

Durch die Veröffentlichung des Weißbuches ist nun deutlich geworden: die militärisch mächtigste Nation der Erde sieht sich in der bejammernswerten Rolle, gegen die „Aggression aus dem Norden“ kein politisches Mittel mehr einsetzen zu können, um Ho Tschi-minh zum Verhandeln oder zum Rückzug zu zwingen. Sie muß ihn in Verhandlungen oder in den Rückzug hineinbomben. Dieses Kunststück hätte schließlich auch Barry Goldwater zustande gebracht.

Wenn das Weißbuch fast ausschließlich von Hanoi als dem Hauptschuldigen spricht, geschieht das allerdings in der Absicht, den politischen und den militärischen Druck auf das schwächste Glied in der gegnerischen Kette zu konzentrieren und sich noch etwas Manövrierraum gegenüber der chinesischen Volksrepublik zu bewahren. In der Dokumentation ist von Peking kaum die Rede, aber der gesamte Führungskreis um Präsident Johnson geht mit Recht davon aus, daß dort und nicht in Hanoi die Komplikationen für die amerikanische Außenpolitk entstehen. Man muß mit dem Problem China fertig werden – nicht mit Ho Tschi-minh –, wenn die amerikanische Stellung in Asien gehalten werden soll.

Noch einmal aber möchte Washington die Konfrontation mit China vermeiden – die am Verhandlungstisch und die im Schützengraben. Wieder wird also nach einem Aufschub gesucht, als ob sich der Machtkampf um Asien auf diese Weise vertagen ließe. Mag Maos Propaganda noch so sehr auf den amerikanischen „Papiertiger“ einschlagen – seine Machtmittel sind begrenzt. Die chinesische Munition reicht nicht einmal für ein dauerhaftes Bombardement von Quemoy und Matsu. Aber Peking verwickelt die amerikanische Weltmacht mit einem Minimum von Engagement in jenen Partisanenkrieg, der für sie die unangenehmste Form der Kriegführung ist – auf fremdem Boden und unter einer fremden, zumeist apathischen Bevölkerung. Zehn Jahre brauchten die Amerikaner, um bis an den Hals in den Morast des Dschungelkrieges zu geraten.