Uwe Seeler – Porträt eines Idols

Von Jürgen Werner

Trauer muß Fußball-Deutschland tragen. Sogar Tageszeitungen berichteten auf der ersten Seite über das große Unglück, das Uwe Seeler, Idol aller Fußballfans, getroffen hat. Ärztliche Bulletins, wie sie sonst nur Staatsoberhäuptern zustehen, unterrichteten die Öffentlichkeit über alle Details des körperlichen Zustandes und seelischen Befindens des prominenten Patienten. „Uns Uwe“, wie man ihn in Hamburg fast zärtlich nennt, hatte sich einen Riß der Achillessehne zugezogen, eine der schwersten Verletzungen, die ein Leistungssportler erleiden kann.

So wie es in sportmedizinischen Lehrbüchern steht, schilderte auch Seeler den Hergang des Unfalls. Ein fürchterlicher Tritt habe ihn in jene Region getroffen, wo schon Achill verwundbar war. Sein Gegenspieler aber von der Frankfurter „Eintracht“ schwört bei allen Heiligen, daß er Seeler nicht einmal berührt habe. Schon 1956, beim olympischen Endlauf über 1500 Meter in Melbourne geschah etwas Ähnliches. Der ostdeutsche Meisterläufer Siegfried Hermann brach plötzlich zusammen, Diagnose: Achillessehnen-Riß! Ein Gegner habe ihn von hinten in die Ferse getreten, behauptete der Hallenser steif und fest. Aber niemand hatte den angeblichen Tritt bemerkt. Wie gesagt, in der sportmedizinischen Literatur kann man lesen, daß gerade diese Angabe von den Betroffenen in der Regel gemacht wird. Sie empfinden das Auseinanderreißen dieser fingerdicken Sehne, die, wenn sie nicht degenerativ verändert ist, ein Gewicht von acht bis zehn Zentnern zu tragen vermag, wie einen heftigen Schlag und stechenden Schmerz. Meistens ist der Unfall auch noch mit einem deutlichen Geräusch, das wie ein Knall klingt, verbunden.

Diese Beine schossen 1000 Tore

Als Seeler auf einer Tragbahre vom Platz getragen wurde, ahnte noch kaum einer der Zuschauer, fast 40 000 im Stadion, und Hunderttausende am Fernsehschirm, daß sie Deutschlands Fußballkönig vielleicht zum letzten Male in Aktion gesehen hatten.

Als sich dann die Schwere der Verletzung herausstellte, die eine operative Versorgung notwendig machte, war die Anteilnahme ungeheuer. In den Boulevardzeitungen erschienen jetzt Uwe-Seeler-Stories am laufenden Band. Auf der ersten Seite von „Bild“ waren seine in Binden eingehüllten Beine zu sehen mit der Überschrift „Diese Beine schossen tausend Tore“. Nun gibt es noch viele Fußballerbeine, die tausend Tore geschossen haben, ohne daß sie je Schlagzeile machten, was früher nur den wohlgeformten Beinen von Divas wie Mistinguette oder Marlene Dietrich gelang.