Großbritannien hat wiederum einer seiner afrikanischen Kolonien den Weg zur Selbständigkeit geebnet: Am Montag durften die Einwohner des Protektorats Betschuanaland, zwischen Sambia und Südafrika, erstmals ein Parlament und eine eigene Regierung wählen. Von den 542 000 Einwohnern dieses südafrikani- – schen Viehzüchterlandes, das zweieinhalbmal so groß wie die Bundesrepublik ist, waren 108 000 stimmberechtigt.

Unter den drei Parteien – Unabhängigkeitspartei, Volkspartei (beide linksgerichtet, angeblich von Peking finanziert), Demokratische Partei – waren die Demokraten unter ihrem populären Führer Seretse Khama von vornherein hohe Favoriten. Ihnen waren auch die Stimmen der 4000 weißen Farmer sicher, die sich durch die Enteignungspläie der Linken bedroht fühlten.

In der Demokratischen Partei vereinigen sich die meisten gemäßigten Politiker der acht großen Stämme. Der 42 Jahre alte Parteiführer wurde vor fünfzehn Jahren weltberühmt. Damals wurde er als Stammeshäuptling der Bamangwato abgesetzt und von den Engländern aus Rücksicht auf die Apartheid-Politik des Nachbarn Südafrika für sechs Jahre verbannt, weil er als Student in London eine Engländerin geheiratet hatte. Seretse ist ein Enkel jenes Häuptlings, der vor achtzig Jahren Betschuanaland unter den Schutz der Königin Viktoria stellte. Auf die Stammeswürde verzichtete er zugunsten seines Sohnes.

Obwohl Seretse für die Regierung in Kapstadt persona non grata ist, will er gutnachbarliche Beziehungen aufrechterhalten, zumal Südafrika als wichtigster Handelspartner und Transitland unentbehrlich ist.

Wegen der wirtschaftlichen Verflechtung ist Kapstadt bisher über die Nachbarschaft eines von Schwarzen regierten Staates nicht allzu besorgt, obwohl der Fluchtweg der Apartheid-Gegner und der Versorgungsweg der Agenten durch Betschuanaland führt. Ministerpräsident Verwoerd betrachtet dieses Gebiet als einen vollendeten Bantustan-Staat, also als selbsverwaltetes Negerreservat.