Carl Gustav Ströhm: Zwischen Mao und Chruschtschow – Wandlungen des Kommunismus in Südeuropa; W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart; 304 S., 12,80 DM.

Nach dem letzten Besuch des österreichischen Außenministers Kreisky in Budapest äußerte ein hoher Beamter aus der österreichischen Delegation überrascht: „Wir wurden geradezu mahnend von den Ungarn an die gemeinsame Vergangenheit erinnert – obgleich diese doch mit der Doppelmonarchie zusammenfällt. Das scheint die kommunistischen Führer heute aber nicht im mindesten zu stören!“

Wenn auch in Osteuropa in den letzten Jahren nirgendwo krasser eine Abwendung von der stalinistischen Vergangenheit festzustellen ist als in Ungarn, so hat doch Ströhm mit Recht in den Mittelpunkt seines Buches Jugoslawien und Albanien gestellt. Beide Länder bezeichnen die extremen Positionen bei dem Versuch der osteuropäischen Völker, sich der Bevormundung durch die Sowjetunion zu entziehen. Die Jugoslawen stehen am rechten Flügel der Bewegung, in der Nachbarschaft des Revisionismus, die Albaner auf der äußersten Linken, an der Seite Chinas. Der Balkan wurde dadurch zum Prüffeld des Konflikts Moskau–Peking, den die kleinen kommunistischen Staaten zur Durchsetzung ihrer Autonomiebestrebungen benutzen.

In seiner Einleitung, die man sich gern noch ausführlicher gewünscht hätte, zeigt Ströhm die Rolle auf, die der Balkan als Schauplatz der Auseinandersetzung der Großmächte in der Vergangenheit spielte. Er deutet aber auch die ethnischen und religiös-kulturellen Voraussetzungen für die Beziehungen der Balkanvölker in unseren Tagen. Nur zu oft wird ja lediglich an der Oberfläche analysiert und dabei übersehen, daß Kräfte von Jahrhunderten Erscheinungen von heute mitbestimmen. So ist die Animosität zwischen Albanern und Serben ohne die Tatsache, daß die einen nach der türkisd.en Eroberung zum größten Teil Moslems wurden, während die anderen dem orthodoxen Christentum weiterhin anhingen, nicht zu erklären. Oder ein anderes Beispiel: Die Russophilie der orthodoxen Serben und Bulgaren findet ihren Beweggrund im gemeinsamen slawischen Herkommen. Die mystische Faszination, die von Rußland ausging, konnte in geschickten Händen zu einer Adaptierung der sozialen Revolution des Bolschewismus aktiviert werden. Der Krieg und die deutsche Besetzung machten den Weg zu dieser deutsche lung frei.

Eine der wichtigsten Aussagen Ströhms lautet: „Man mag gegen die Kommunisten und ihre brutalen Methoden sagen, was man will: Sie waren die einzigen, die eine Vorstellung von dem hatten, was mit diesen Ländern zu geschehen habe. Sie waren auch die einzigen, die wenigstens im Ansatz eine Überwindung des Nationalismus vorausgedacht hatten, der in diesem Bereich so furchtbare Wirkungen erhalten hatte. Darin liegt das Geheimnis des erhalten nistischen Erfolgs, und nicht allein in der verschwörerischen Perfektion des Parteiapparats.“

An der Geschichte der kommunistischen Staaten Osteuropas wird gezeigt, daß die Abweichung von der Ideologie nur dort ein tragfähiges Fundament findet, wo sie sich auf nationale Traditionen zu stützen vermag. Die wirkliche Häresie, meint Ströhm, kommt stets von links. Die Mitte wird angegriffen, weil sie zu viele Konzessionen macht und deshalb keine Durchschlagskraft besitzt. Das wurde schon offenkundig bei der Auseinandersetzung von Titos Partisanen mit den Tschetniks einerseits und den Zusammenstößen von Hodschas Kommunisten und den „Balli Kombetar“ andererseits.

Lobenswert ist die Zurückhaltung, die der Autor in seinem Ausblick am Schluß des Werkes beweist. Einheit in der Vielfalt könnte eine Folge der jetzigen Lockerungstendenzen sein. Jedenfalls bedeute das wachsende Mitspracherecht nicht das Ende der sowjetischen Großmachtstellung. Fest stehe, daß die Kommunisten auch auf dem Balkan nicht aufhören würden, Kommunisten zu sein. Und man möchte noch hinzufügen: Gerade die Möglichkeit des Nationalkommunismus läßt den Kommunismus an Attraktion gewinnen.

Günther Specovius