Von Wolfgang J. Helbich

In jeder deutschen Universitätsbibliothek finden sich ein paar Kilo „Bilderbücher“ – Dissertationen, die vom „Deutschlandbild der Times vom Oktober 1912 bis August 1914“ über das „Deutsche Italienbild zur Goethe-Zeit“ bis zum „Europabild des amerikanischen Dramas“ reichen (diese Titel sind nicht authentisch). Oft reflektieren solche Arbeiten nicht viel mehr als die Einfallslosigkeit von Doktorvätern; in anderen Fällen sind die Autoren an den methodischen Schwierigkeiten durchaus sinnvoller Fragestellungen gescheitert; und schließlich findet sich auch eine Reihe gelungener Studien über nationale Klischees in der Beurteilung fremder Staaten. Das Buch von

Christine M. Totten: „Deutschland – Soll und Haben“ – Amerikas Deutschlandbild; Rütten + Loening Verlag, München; 368 S., 24,– DM

läßt sich mit einigen Einschränkungen der dritten Kategorie zuordnen. Es ist allerdings auch keine Dissertation.

Die Autorin versucht, die heute in den USA gängigen Vorstellungen von Deutschland und den Deutschen aufzuzeigen und ihre Entstehung historisch zu erklären. Den ersten Teil des Buches widmet sie in chronologischer Ordnung den „Kontaktpunkten“ zwischen den beiden Ländern – der deutschen Einwanderung von den Pennsylvania Dutch bis zu Einstein, den Amerikanern an den deutschen Universitäten im neunzehnten Jahrhundert, den Weltkriegen und der Besatzungszeit. In der zweiten Hälfte werden „Soll“ (Militarismus, Untertanengeist, Titelsucht, Fettleibigkeit) und „Haben“ (Gemütlichkeit, Beethoven, Mercedes, Willy Brandt) des amerikanischen Deutschlandbildes präsentiert.

Die Behandlung des Themas zeichnet sich eher durch Breite als durch Tiefe aus; während kaum ein Punkt erschöpfend behandelt ist, hat die Autorin mit eindrucksvoller Lückenlosigkeit alle denkbaren Aspekte der Frage aufgeführt. Mit gleicher Vollständigkeit sind die verschiedenen Medien ausgewertet, die gleichzeitig Klischeevorstellungen dokumentieren und bilden: Literatur, Presse, Reiseberichte und wissenschaftliche Publikationen. Die Autorin hat sich nicht gescheut, die „Wissenschaftlichkeit“ ihrer Arbeit in den Augen mancher Leser in Frage zu stellen, indem sie persönliche Eindrücke in den USA und Unterhaltungen mit Amerikanern in Deutschland neben ihre gedruckten Quellen gestellt hat. Da terin ist und es ihr sie eine gute Beobachmeist gelingt, Trivialitäten und „die alte irische Putzfrau“ aus dem Text herauszuhalten, gewinnt das Buch damit mehr, als es verliert.

Sieht man von der umfassenden Katalogisierung von Klischees und Anlässen ihrer Entstehung ab, liegt das Hauptverdienst des Buches In der Herausarbeitung eines Gesichtspunktes, der das Deutschlandbild der USA grundsätzlich von dem etwa Englands oder Italiens unterscheidet. Für Amerika ist seit dreihundert Jahren „der Deutsche“ nicht in erster Linie irgendein Herr Müller im fernen Stuttgart, sondern der ganz konkrete Mr. Mueller von nebenan. Der deutsche Einwanderer und der Mitbürger deutscher Abstammung haben bei der Herausbildung von Vorstellungen über Deutschland im Positiven wie im Negativen stets eine Rolle gespielt, die leicht unterschätzt oder ganz vergessen wird.