In der ersten Reihe saßen ein Ministerialdirigent, ein Ministerialrat, ein Oberregierungsbaurat und zwei Professoren; am Pult stand ein Oberregierungsrat. Zwischen ihnen und den Zuhörern im Halbrund des Hörsaales entspann sich eine lebhafte Diskussion. Finanzzuschüsse können keine Kompetenzen verschieben“, rief der eine Professor aus und erklärte, daß die Satzung des „Zweckverbandes Bodensee-Wasserversorgung“ rechtswidrig sei. Der andere Professor widersprach, und die Ministerialbeamten verteidigten die Satzung: „Eine andere Konstruktion war politisch nicht durchsetzbar, und der Kompromiß, den wir schließlich gefunden haben, ist rechtmäßig!“

Wer unsere Hochschulen kennt, wird bezweifeln, daß sich diese Szene an der juristischen Fakultät einer deutschen Universität abgespielt hat. In der Tat fand diese „unakademische“ Debatte nicht in einem Universitätsgebäude statt. Dort bleibt man auch heute noch möglichst unter sich; Professoren und Praktiker haben wenig Kontakt miteinander.

Doch jenes Streitgespräch im Hörsaal ist nicht erdacht, sondern hat tatsächlich stattgefunden: im Auditorium Maximum der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer war es, wo hohe Beamte der baden-württembergischen Landesregierung über das Verwaltungsprojekt „Bodensee-Wasserversorgung“ sprachen. Sie zeigten an diesem Beispiel, welche Aufgaben einer modernen Verwaltung gestellt sind und wie man sie zu bewältigen sucht. Die Zuhörer waren Referendare aus allen Ländern der Bundesrepublik; sie absolvieren in Speyer eine Art Nachstudium, das auf die Erfordernisse der öffentlichen Verwaltung zugeschnitten ist.

Die Referenten trugen den Referendaren nicht nur juristische Knifflichkeiten wie die der Zweckverbandverfassung vor, sondern schilderten auch, welche wirtschaftlichen, verwaltungstechnischen und psychologischen Widerstände zu überwinden waren, ehe schließlich das Bodenseewasser die Berge hoch und wieder talwärts in die Speicher der Gemeinde-Wasserwerke fließen konnte.

Zum normalen Ausbildungspensum künftiger Verwaltungsbeamten gehört dies leider noch nicht. Der Nachwuchs für die höhere Verwaltungslaufbahn rekrutiert sich – trotz gelegentlicher Angriffe gegen ein angebliches „Monopol“ dieser Berufsgruppe – immer noch zu einem erheblichen Teil aus Juristen; und das muß auch so sein, weil der Verwaltungsbeamte ständig mit Rechtsnormen aller Art zu tun hat. Die Bürger wären zu Recht erbost, wenn in einem Rechtsstaat die Regierungsräte mit den Gesetzen nicht umzugehen verstünden. Aber nicht nötig ist, daß die Ausbildung, wie jetzt, fast ausschließlich juristisch ausgerichtet ist, noch dazu mit besonderer Betonung verwaltungsfremder Gebiete.

Richter, Staatsanwälte, Rechtsanwälte und höhere Verwaltungsbeamte genießen bis zum Assessorexamen dieselbe Ausbildung. Dadurch soll vermieden werden, daß die Referendare sich zu früh spezialisieren, was gewiß vernünftig ist. Praktisch entfällt aber der größte Teil der Ausbildung auf die Justiz, und die Verwaltung kommt zu kurz. Der Bundesgesetzgeber hat vorgeschrieben, daß der Referendar einen Vorbereitungsdienst von dreieinhalb Jahren ableisten muß und daß er davon mindestens zwei volle Jahre bei den „ordentlichen Gerichten, Staatsanwaltschaften, Notaren und Rechtsanwälten“ und ein weiteres halbes Jahr bei „anderen Gerichten“ (davon wiederum zwei Monate bei Gerichten für Arbeitssachen) zu verbringen hat. Für die Ausbildung bei Verwaltungsbehörden sind nur sechs Monate vorgeschrieben; einige Länder haben diese Station allerdings etwas verlängert. Wer sich an diesem Schema orientiert, wird sich nach dem Examen am ehesten zum Gerichtsassessor und am wenigsten zum Regierungsassessor eignen.

Dieser Ausbildungsgang prägt einen ganz bestimmten Typ des Juristen. Für die Justiz ist das Recht Selbstzweck. Aufgabe des Justizjuristen ist es, den richtigen Rechtssatz richtig auf den sorgfältig erforschten Sachverhalt anzuwenden. Der Richter entwickelt keine Initiative und kümmert sich nicht um außerrechtliche Erwägungen. Das geht hierzulande so weit, daß selbst vom Strafrichter keine psychologischen Kenntnisse verlangt werden; es bleibt der Gewissenhaftigkeit des einzelnen überlassen, sich außerjuristisches Wissen autodidaktisch zu erwerben.