Neue Architekturkritik (10)

Von Hermann Funke

Wer aus Ostberlin zurückkommt, sieht Westberlin zumindest für einige Stunden mit anderen Augen. Ein Gang durch die Mauer ändert alles. Westberlin erscheint dann lauter, bunter, hektischer als vorher. Ähnlich wie von Ostberlin muß Westberlin von Bonn her aussehen, denn schon vor Jahren wurde es im Bundeskabinett das "Las Vegas an der Spree" genannt.

Es wird viel gebaut in Westberlin. Die auffälligste und wohl auch größte Baustelle liegt mitten in der Stadt zwischen der Budapester und der Tauentzienstraße am Breitscheidplatz gegenüber der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche. Hier entsteht das sogenannte

Europa Center, Westberlin, Architekten: Professor Dr. H. Hentrich und H. Petschnigg, Düsseldorf.

Noch zwei andere Architekten. sind daran beteiligt: Professor Egon Eiermann, der Erbauer der neuen Gedächtniskirche, als künstlerischer, Professor Werner Düttmann als städtebaulicher Berater. Als höchster Baubeamter Berlins ist er sowieso für den Städtebau zuständig.

Ein rechtes Professorenbauwerk ist also das Europa Center. Seit Gropius und andere vor über zehn Jahren das Boston Center entwarfen, ist dieses Thema an unseren Hochschulen nie ganz zur Ruhe gekommen. Immer wieder wurde es in Studienaufgaben, Diplomarbeiten und Seminaren durchgenommen: ein Stück City einheitlich entworfen, ein großer Basar in mehreren Etagen, unterirdisch mit Waren versorgt, damit sich die Fußgänger in ihm frei bewegen können. Darüber ein Dachgarten, durchlöchert, um dem Basar Licht zu geben. Und wieder darüber eine Vielzahl von Baukörpern, einander spannungsvoll zugeordnet. Jeder Student kann sie wie im Traum aufstellen: den schmalen, sehr hohen Baukörper, den flachen, langgestreckten, den richtungslosen Kubus und den schrägen, schiefwinkligen.