Von Werner Höfer

Ursula ist ein Teenager wie mancher andere auch. Keinem Twist weicht sie aus, und bei den Beatles hört sie nicht weg. Sie lebt in Siegburg, einer Stadt, die in den Tagen vor Aschermittwoch zumindest von den Randerscheinungen des rheinischen Karnevals berührt wurde. An den närrischen Tagen schrieb die 16jährige Untersekundanerin einen kritischen Brief an einen Mann, der sich seinerseits mit ein paar kritischen Bemerkungen exponiert hatte. Diese Epistel, die sich der Empfänger nicht hinter den Spiegel steckte, begann mit gezielten Blattschußsätzen:

„... Sie mögen vielleicht sagen, daß mir als Schülerin, die ich noch nicht einmal wahlberechtigt bin, kein Urteil über politische Probleme zusteht. Gewiß – aber schon jetzt werden wir im Geschichtsunterricht auf unsere Pflichten als gute Staatsbürger und Demokraten hingewiesen. Man möchte uns zu einer kritikfähigen ‚Wählergeneration‘ heranbilden, und nicht selten wird uns gesagt, daß es ja vor allen Dingen die Jugend war, die Hitler sich im Dritten Reich ‚herangezüchtet‘ hat, die seine ‚schafsgeduldige Hammelherde‘ darstellte. So etwas soll uns nicht nochmal passieren...“

Ursula schreibt, wie sie denkt, und denkt, bevor sie spricht: selbständig und unzimperlich. Auf keine Frage bleibt sie eine Antwort schuldig. Die Fragen mögen Alte-Herren-Fragen sein. Ob die Antworten typische Jungmädchen-Antworten sind...?

„Sie sind jung. Sind Sie stolz darauf, Deutsche zu sein, oder möchten Sie lieber Bürgerin eines anderen Volkes sein?“

„Wenn Sie Vaterlandsliebe oder gar Nationalbewußtsein bei mir suchen, werden Sie kein Glück haben. Nach dem, was in der jüngeren deutschen Geschichte geschehen ist, sehe ich keinen Grund, auf ‚das Volk der Dichter und Denker‘, wie unsere Geschichtslehrerin zu sagen pflegt, stolz zu sein. Die Vergangenheit ist für mich noch nicht Geschichte. Ich sehe aber auch keinen Grund, mich von diesem Volk und unserer Geschichte abzuwenden.“

„Wie haben Sie die jüngere deutsche Geschichte kennengelernt?“