Von Egmont Zechlin

Wolfgang Steglich, Die Friedenspolitik der Mittelmächte 1917/18. Band I. Wiesbaden: Franz Steiner Verlag. XV u. 593 Seiten. Broschiert 82,– DM

Die Erforschung der deutschen Geschichte des Ersten Weltkrieges steht gegenwärtig nicht nur im Brennpunkt der wissenschaftlichen Diskussion, sondern vollzieht sich auch unter außergewöhnlich starker Anteilnahme einer breiteren Öffentlichkeit und der Publizistik. Der Motor dieses auffallenden öffentlichen Interesses ist offensichtlich das Bestreben, Klarheit zu gewinnen über die jüngere deutsche Vergangenheit und die Quellen aufzufinden, aus denen sie gespeist wurde. Es steht dahinter die Frage nach bestimmten Kontinuitäten im letzten halben Jahrhundert deutscher Geschichte. Im allgemeinen Bewußtsein scheint sich dabei ein Geschichtsbild auszuprägen, in welchem der Erste Weltkrieg an den Beginn einer Entwicklungslinie gesetzt wird, die bis ins Jahr 1945 oder gar noch weiter führt – ein Geschichtsbild, in dem das nationalsozialistische Dritte Reich fast als notwendige Folge des wilhelminischen Deutschlands erscheint. So verständlich das Verlangen nach einer solchen eingängigen Erklärungsformel der Jahre 1933 bis 1945 auch sein mag, so mißtrauisch wird ihr der Fachhistoriker gegenübertreten müssen. Nicht um zweifellos vorhandene Verbindungslinien zu leugnen oder gar aus irgendeinem apologetischen Antrieb heraus, sondern um der notwendigen Differenzierung willen, ohne die jede tiefere Erkenntnis unmöglich ist. Erst eine detaillierte Analyse der Kontinuität oder Diskontinuität bestimmter Züge im politischen Denken und darüber hinaus in der geistigen Physiognomie eines Zeitalters, die sich nicht allein im Denken und Handeln der Staatsmänner, sondern auch dem der unbekannteren Zeitgenossen ausprägt, wird hier ein gesichertes Urteil erlauben und uns vielleicht verstehen lassen, warum die Ereignisse von 1933 nicht bereits 1914 oder 1918 möglich waren.

Zunächst jedoch ist die Geschichtswissenschaft noch bemüht, das diplomatische und politische Geschehen des Ersten Weltkrieges selbst in seinen Einzelheiten zu erhellen. Das bekannte Buch von Fritz Fischer über die „Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/1918“ war ein erster Meilenstein auf dem eben erst betretenen und voraussichtlich noch recht langen Weg. Welche Arbeit hier weiterhin zu leisten ist, wird eindringlich deutlich an der Untersuchung von Wolfgang Steglich.

Schon im Titel wird der Gegensatz zu Fischers Thesen deutlich. Während Fischer die Grundrichtung der deutschen politischen Bemühungen während des Krieges als „Kriegszielpolitik“ klassifiziert, weist Steglich in einer detaillierten Analyse gerade für das entscheidende und viel umstrittene Jahr 1917 einen genau gegenteiligen Grundzug nach, den er als „Friedenspolitik“ bezeichnet. So erkennt Steglich auch für die vorhergehenden Jahre nicht in den von Fischer ausführlich erörterten expansionistischen Kriegszielprogrammen die Triebfeder der deutschen Politik, sondern vielmehr in einem Streben nach Sicherung und im weiteren Kriegsverlauf nach Selbstbehauptung des Deutschen Reiches. Er leugnet keineswegs, daß es Kriegsziele gegeben hat, jedoch sieht er in ihnen Elemente jenes Sicherungsstrebens, die nicht ein für allemal festgelegt waren, sondern der jeweiligen Lagebeurteilung angepaßt wurden und – das ist das Entscheidende – ihr dauernd untergeordnet blieben. Als kontinuierliches Element der deutschen Politik während des Krieges erweist sich nicht die Realisierung unverrückbarer Ziele, an deren starrem Festhalten alle Friedensschritte hätten scheitern müssen, sondern gerade das Gegenteil, nämlich die „Bereitschaft der Reichsregierung, bei Eintreten einer Friedensmöglichkeit die Kriegszielwünsche den Erfordernissen der Friedensanbahnung unterzuordnen und vom Maß des Erreichbaren abhängig zu machen“. Steglich demonstriert damit besonders für das dritte Kriegsjahr die Wirksamkeit der gleichen politischen Tendenzen, die der Rezensent für die ersten Kriegsmonate 1914/15 festgestellt hat.

Zugleich versucht Steglich, eine Gesamtschau über die Friedensansichten bei den Regierungen beider Lager zu geben und leistet damit in einem Teilbereich einen Schritt zu einer umfassenden Darstellung der diplomatischen Geschichte des Ersten Weltkrieges, deren Notwendigkeit die bisherige Diskussion immer wieder gezeigt hat. An einer Vielzahl neuer Einsichten erweist sich dabei die außerordentliche Fruchtbarkeit seines Forschungsansatzes. Hier sei nur auf zwei Punkte hingewiesen:

1. Im Zusammenhang der Analyse der päpstlichen Friedensaktion von 1917 hebt Steglich eine zwar nicht unbekannte, jedoch bisher kaum beachtete Tatsache ans Licht: daß nämlich Bethmann Hollweg Ende Juni 1917 dem Nuntius Pacelli gegenüber in der belgischen Frage, die ja eines der Haupthindernisse einer Friedensanbahnung bildete, nicht nur auf alle Annexionen, sondern auch auf jegliche positiven und realen Garantien verzichtet und sich beschränkt hat auf das „Programm von der vollständigen Unabhängigkeit Belgiens gegenüber den drei unmittelbar oder mittelbar angrenzenden Großmächten“. Der Kanzler stellte damit die Friedensanbahnung wenigstens in der dringlichen belgischen Frage auf die Basis des territorialen status quo. Wenn man noch dazu bedenkt, daß er gleichzeitig zu Konzessionen in der elsaß-lothringischen Frage bereit war, so wird man Steglich nur beipflichten können, daß dies das „größte Zugeständnis“ sei, das überhaupt vorstellbar war. Dieser Tatbestand erhellt exemplarisch die Stichhaltigkeit seiner These von dem Verzicht auf die bisherige Politik positiver Sicherheiten und Garantien; er wirft allerdings auch ein bezeichnendes Schlaglicht auf die Bedeutung der Entlassung des Kanzlers Bethmann Hollweg, der seinen Sturz im Hinblick auf die gerade angelaufene päpstliche Vermittlungsaktion, die er ganz an seine Person gebunden sah, als „nationales Unglück“ empfand.