Die Nahostkrise wuchs sich vorige Woche fast zu einer Kanzler- und Regierungskrise aus: Verstimmungen in der Führungsspitze der CDU/CSU, Spannungen zwischen Kanzler und FDP, Kritik am Regierungsstil des Kanzlers, Interventionen der Westmächte, Marathon-Sitzungen des Kabinetts gingen der Entscheidung voraus, mit der Ludwig Erhard aus dem Dilemma zwischen Arabischer Liga und Israel herauszukommen trachtete. Der Leidensweg seiner Außenpolitik im Nahen Osten führte über folgende Stationen:

22. November 1964: Gerstenmaier überbringt Einladung Lübkes an Nasser. Gespräch über folgendes Arrangement: Einstellung der Waffenhilfe an Israel, dafür jedoch Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Bonn und Jerusalem; finanzielle Beteiligung Bonns am zweiten ägyptischen Fünfjahresplan, dafür keine Anerkennung der DDR durch Kairo. Bonn verschleppt die Angelegenheit.

11. Januar 1965: Die arabische Gipfelkonferenz droht mit Anerkennung der DDR, falls Bonn weiterhin Israel mit Waffen versorgt oder diesen Staat anerkennt.

27. Januar: Walter Ulbricht wird von Nasser zu einem Freundschaftsbesuch nach Kairo eingeladen.

31. Januar: Botschafter Federer protestiert bei Nasser gegen die Einladung an Ulbricht. Nasser: Wir werden die DDR anerkennen, falls die deutsche Waffenhilfe für Israel nicht aufhört.

8. Februar: Der spanische Vermittler Marques de Nerva feilt Nasser mit, daß Bonn keine Waffen mehr an Israel liefert. Im Fernsehen erklärt er, Bonn werde auch keine diplomatischen Beziehungen zu Israel aufnehmen. Bonn dementiert.

16. Februar: Israel besteht auf Erfüllung des Waffenhilfeabkommens und lehnt eine Ablösung durch Geld ab.